Dienstag, 18. Oktober 2016

Nathan Hill - Geister

Roman, Rezension

Ein Griff nach Kieselsteinen, ein Wurf, ein Skandal. Eine scheinbar unbescholtene Frau attackiert einen Präsidentschaftsbewerber und die Medien reiben sich die Hände: ein Skandal, den man ausschlachten kann. An dem Literaturprofessor Samuel geht das völlig vorbei. Frustriert von seinem Dasein verbringt er die meiste Zeit mit Online-Spielen. Dass ihm eine Studentin ernsthaft droht und seine bescheidene Karriere zerstören will, passt da nur ins Bild. Erst als er realisiert, dass die Steinewerferin seine Mutter ist und diese offenbar 1968 eine entscheidende Rolle in den Chicagoer Studentenprotesten gespielt hat, wird Samuel in die Realität zurückkatapultiert. Wer ist diese Frau, die ihn geboren, aber schon in jungen Jahren verlassen hat und welche Geister der Vergangenheit hat sie mit ihrer Attacke heraufbeschworen?

Nathan Hills Erstlingswerk ist mächtig. Die rund 850 Seiten lassen einem erst einmal zucken, doch dann fliegen die Seiten nur so dahin. Sowohl Samuels Geschichte in der Gegenwart, sein wenig zufriedenstellendes Dasein, sein Ärger mit den Studenten - leider kommt gegen Ende die Geschichte um Laura viel zu kurz, ein wirklich unterhaltsamer Charakter, der mir mehr als einmal ein Grinsen ins Gesicht zaubern konnte - und seine Spielsucht sind authentisch geschildert und sicherlich weit weniger individuell als man zunächst glauben mag. Seine Kindheitsschilderungen, geprägt durch die Brille des Kindes, das nicht alles versteht, nur Teile sieht und die Zusammenhänge erst spät nachvollziehen kann, konnten überzeugen. Am stärksten jedoch ganz sicher ist der Handlungsstrang um Faye und die Studenten 1968. Wie aus dem braven und strebsamen Mädchen eine vermeintliche Prostituierte und Rebellin werden konnte, wird glaubwürdig nachvollziehbar beschrieben. Als weiterer Aspekt wird die Vergangenheit von Samuels Großvater und seine undurchsichtige Flucht aus Norwegen eingeflochten, auch hier spannende Wendungen und Geheimnisse, die nach und nach gelüftet werden.

Ein insgesamt vielseitiges Buch, dass parallel mehrere Handlungen gekonnt miteinander verwebt, ohne den roten Faden zu verlieren. Sich auf dieser Länge nicht zu verheddern, ist eine Kunst, die Nathan Hill wirklich beherrscht. Auch die verschiedenen Motive der Figuren greifen am Ende glaubwürdig ineinander, es bleiben keine Fragen offen, so dass man eine runde Geschichte hat, die sich über mehrere Generationen zieht. Auch schafft es Hill sein Tempo an die Handlung anzupassen, die Aufstände werden mit kurzen Kapiteln und schnell wechselnden Perspektiven geschildert, die Rückblicke in die Kindheit verlaufen langsamer und intensiver. Handlung und Ton finden so stimmig zueinander.

Ein toller, vielseitiger Roman, der von der ersten bis zur letzten Seite überzeugt.

Herzlichen Dank an den Piper Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zum Buch finden sich auf der Seite desVerlags.

Anne Tyler - Die störrische Braut

Roman, Rezension, Shakespeare

Im Haushalt der Battistas läuft vieles anders als in anderen Häusern. Dr. Battista hat wenig Sinn für überflüssige Dinge wie Essen, die Spülmaschine wird aus und wieder eingeräumt, warum den Umweg über den Küchenschrank nehmen? Die Töchter muss er alleine erziehen, wobei das eher in der Hand der Natur liegt, lieber verkriecht er sich in sein Labor. Entsprechend fristet Kate mit 29 ein jungfernhaftes Leben mit einem Job im Kindergarten, den sie hasst, der aber nach Abbruch des Studiums die einzige Alternative war. Bunny ist mit ihren 15 Jahren das genaue Gegenteil. Das eingespielte Trio lebt nach festen Routinen bis diese einen herben Schlag erhalten: Dr. Battistas Assistent droht ausgewiesen und somit die letzten Jahre Forschung zunichte gemacht zu werden. Da wäre es dich passend, wenn Pjotr einfach Kate heiraten könnte. Völlig überraschend für den Vater ist die zukünftige Braut ist wenig angetan von der Idee, den schrägen Polen zu ehelichen.

Anne Tylers Roman ist eine Hommage an William Shakespeares " Der Widerspenstigen Zähmung" und im Ehrenjahr des großen Dichters erschienen. Der Autorin gelingt es den leichten Ton der Komödie auch in ihrem Buch aufzugreifen. Mit viel Situationskomik und schrulligen Charakteren ist das Lesen ein wahres Vergnügen. Der durchaus etwas stereotypisch geratene Forscher, dem der Alltag zuwider ist, die störrische junge Frau, die mit ihrer direkten Art aneckt, aber durch ihre intelligenten Anmerkungen viel Spaß macht, das etwas dumpfe junge Mädchen und zuletzt der sprachlich eingeschränkte Einwanderer - in der Tat ein Kuriosenkabinett. Das alles in einem Plot ohne große Schnörkel, aber mit kleinen Verwicklungen, die für reichlich Turbulenzen sorgen und so ein herrlich unterhaltsames Lustspiel ergeben.


Was ist von den Remakes von Shakespeares Stücken zu halten? Der große Dichter hat ja nun selbst seine Plots übernommen, Generationen und Jahrhunderte überdauernde Motive gewählt, die gerade deshalb auch heute noch populär sind. Ein bekanntes Sujet zu transformieren und zu adaptieren ist keine leichte Sache, wenn es originell und überzeugend werden soll. Anne Tyler ist das gelungen. Sie kann unterhalten, das Setting passt in die heutige Zeit, ist in sich stimmig und transportiert meines Erachtens den Geist Shakespeares auf wunderbare Weise: das Volk kam ins Theater, um unterhalten zu werden. Anne Tyler bietet ein Buch an und der Leser wird unterhalten.

Herzlichen Dank an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zum Titel finden sich auf der Seiteder Verlagsgruppe RandomHouse.

Lucy Foley - The Invitation

Review, Rezension, Novel, Roman

Early 1950s, Hal Jacobs has fled England to find his future as a writer in Rome. When a friend cannot make it to a party of a highly-regarded Contessa, Hal takes the invitation and goes there instead. At the door, he is rejected, but the host finds him interesting and ask him to enter. The same evening, he meets a woman whom he will never forget, but she is gone as suddenly as she appeared. Only two years later, when Hal has accepted a job with the Contessa, he will meet her again. To promote a film project, the actors as well as other staff will sail the French-Italian coast and stop over from time to time. Hal is asked to accompany them and to write about the trip. When he meets Stella, he is struck, but the presence of her husband makes it difficult for him to approach her. Yet, their former meeting is not the only secret on board.

Lucy Foley sends us back into the post-war era of Italy. The gap between the rich and the poor is visible everywhere, as are the scars from the war-time. Everybody has made their traumatising experiences and wants to bury them. However, some things are not as easy to forget as others. It is this specific ghost that the author awakes in the characters and manages to portray in a convincing way. The atmosphere of this time and place can well be felt throughout the novel. The setting is one of the strongest points for me. The characters are also interestingly drawn, especially Stella with her slowly unfolding past can lead through the novel. But also the male characters, especially when Stella's husband realises Hal's interest in his wife become more and more interesting.


All in all, a journey back into the past which profits from the author's capacity of creating a stunning setting for an unusual love story.

Rabih Alameddine - The Angel of History

review, novel

Satan has to have a word with Death, somethings wrong with Jacob and for quite some time they got along quite well. But now, Jacob, a poet by devotion, is looking for help in a psychiatric clinic. It is not the first time Jacob is there, but this time, things seem to be serious. While waiting for the doctor, he thinks back to the time when he was a child, first fleeing Yemen with his mother, then finding shelter in a whorehouse in Egypt. Years later his father puts him into a church school in Lebanon. But also newer memories arise, his lovers whom died one after the other, his cat who picked Jacob and his roommate albeit they never wanted to care for a pet. Like this, the evening advances slowly.

Admittedly, I had serious problems finding into the novel. The most problematic was that I could not perceive the different parts as belonging to the same book. The discussion between Satan and Death is quite absurd and funny, here Alameddine can really entertain the reader. Much more interesting but also depressing are Jacob's memories of his childhood, especially his time in Cairo which, due to the conditions, could have left deep scars and negative feelings but are remembered as a time of being loved and feeling secure. This all is at times interrupted by the poet's work of art which somehow does not relate at all to the rest and then the actual situation in the waiting room with his roommate sending texts to find out what is wrong. 

Rabih Alameddine has a poetic style of writing and to my perception, whenever we move with the plot to the Middle East, no matter which country, his is strongest in his expression and narration. Nevertheless, there was no real development in the character, action I did not expect from the description, but such as it is, I could not really make sense out of the story.


Robert Schneider - Premières Dames

Sachbuch, Rezension,

Das wichtigste Amt im Staat: Monsieur le Président. Und an seiner Seite eine Frau ohne offizielle Funktion aber immer im Blick der Öffentlichkeit. Acht erste Damen gab es seit Gründung der V. Republik, die verschiedener kaum hätten sein können. Robert Schneider porträtiert sie und ihr schwieriges Verhältnis zum Amt des Mannes.

  • Yvonne de Gaulle - die nach den turbulenten Kriegsjahren gerne die ruhige und traute Zweisamkeit mit ihrem Mann gelebt hätte, der sich jedoch seiner Aufgabe für das Land stellen will. Bescheiden bleibt sie im Hintergrund und vermeidet überhaupt wahrgenommen zu werden.
  • Claude Pompidou - ein ganz anderes Kaliber, stellt sie die französische Version der Jacky Kennedy dar und zeigt, was die moderne Französin ausmacht. Unbeirrbar und durchsetzungsstark bleibt sie auch Jahrzehnte nach dem Tod des Mannes eine resolute Frau, die ihre Ziele beharrlich weiterverfolgt.
  • Anne-Aymone Giscard d'Estaing - geborene Prinzessin hat sie das Amt immer gehasst und die Medien dazu, die an ihr kaum ein gutes Haar ließen. Schon Jahre vor Ende der Amtszeit bekannte sie, auf keine Wiederwahl ihres Mannes zu hoffen.
  • Danielle Mitterrand - kann eine Frau mehr Stil beweisen als bei der Beerdigung des Gatten dessen Geliebte und uneheliche Tochter am Sarg dabei zu haben? Überzeugte Sozialistin muss sie schnell erkennen, dass sie machtlos ist und nur durch Provokation etwas erreichen kann.
  • Bernadette Chirac – lange Jahre im politischen Betreib haben sie auf ihre Aufgabe vorbereitet. Eine Ehe gegen den Wunsch der Familie, hat sie doch früh das Potenzial des Gatten erkannt.
  • Cécilia Sarkozy - unabhängig und eigenwillig wäre sie beinahe nie Première Dame geworden und ist es auch nur fünf Monate geblieben. Wer verlässt schon einen Präsidenten? Nur eine sehr eigene Frau.
  • Carla Bruni - Glamour zieht in den Elysée Palast ein. Einer der reichsten italienischen Familien entstammend, gebührende Bildung und eine Karriere als Sängerin und Model, dass diese Frau dem Mann die Show stiehlt, ist klar. Und doch ordnet sie sich anstandslos unter.
  • Valérie Trierweiler - Première Petite Amie, da nie mit François Hollande verheiratet. Sie hat als moderne Frau mit Beruf und Karriere die größten Schwierigkeiten und den vermutlich ebenfalls größten Skandal bei der Trennung. Hoffnungsvoller Höhenflug zu Beginn und kläglicher Absturz.


Interessante Einblicke, geheime Details, ein Leben zwischen privatem Glück/Unglück und der Öffentlichkeit, was sich nur schwer vereinbaren lässt. Unterhaltsam geschrieben und gleichsam informativ, werden die Porträts zu einer interessanten Lektüre. Querverbindungen und Vergleiche schaffen Verbindungen und erlauben einen tiefen Einblick in die Maschinerie der französischen Politik. Bleibt die Frage, wer in weniger Monaten als nächste Première Dame den Palast betritt oder ob es ein Wiedersehen mit einer Bekannten gibt.


Dienstag, 11. Oktober 2016

Jennifer Niven - Holding up the Universe

               
Roman, novel, review, Rezension
                          

Libby hat ihren großen Tag vor sich: zum ersten Mal seit Jahren wird sie wieder zur Schule gehen. Nach dem Tod ihrer Mutter hat sie sich zurückgezogen und nicht nur den Kummer in sich hineingefressen. So lange, bis sie sich nicht mehr bewegen konnte. Doch nach einem Klinikaufenthalt ist vieles anders, sie ist nicht mehr America's fattest Teenager, aber immer noch kräftig. Wie werden die Mitschüler auf sie reagieren? Auch Jack zittert vor dem ersten Tag, aber sein Problem verfolgt ihn sogar zu Hause: seit einem Sturz kann er keine Gesichter mehr erkennen und selbst seine Eltern und Brüder sind ihm täglich aufs Neue fremd. Der Zufall führt Libby und Jack zusammen, doch die erste Begegnung ist alles andere als glücklich und lässt nicht erahnen, dass beide langsam lernen und schätzen werden, was sie aneinander haben.

Jennifer Nivens Roman ist eine recht typische Young Adult Geschichte, im Wechsel aus den Perspektiven von Libby und Jack erzählt. Jacks Erkrankung an Prosopagnosie ist dabei recht ungewöhnlich, ansonsten folgt der Roman bekannten Schemata der jugendlichen Liebesromane: sich treffen, gut finden, Zuneigung nicht zugeben können, trennen, doch zueinander finden. Dazu noch das Mantra, dass Aussehen und Gewicht keine Rolle spielen, sondern nur die inneren Werte zählen. Ich hätte mir ein paar mehr Ideen jenseits ausgetretender Wege gewünscht. Man merkt, dass der Roman für den amerikanischen Massenmarkt geschrieben wurde und die political correctness durch und durch erfüllt. Positiv lässt sich bemerken, dass sich der Roman recht flott liest, die Dialoge haben durchaus auch Unterhaltungswert. Daher eine sehr leichte Unterhaltung, die dem passenden Publikum sicher gut gefallen wird.

Samstag, 8. Oktober 2016

Feridun Zaimoglu - Isabel

Roman, Rezension, Deutscher Buchpreis 2014

Isabel hat genug. Es muss Ende sein und deshalb packt sie ihre Sachen und verlässt ihren Freund. Sie streift umher in Berlin, begegnet Menschen, vorrangig am unteren Ende der Nahrungskette. Verdient Geld mit zwielichtigen Aufträgen, kommt weder vorwärts noch zurück. Ihre Eltern wollen den Weg in die Bürgerlichkeit für sie ebnen, aber die präsentierten Heiratskandidaten können nicht überzeugen. Doch dann kommt Markus. Zurück aus dem Kosovo, aus dem Krieg, der ihn auch immer wieder in Berlin einholt. Auch er sucht nach einem anderen Leben, denn das alte ist es nicht wert, weitergelebt zu werden.


Ich habe nie wirklich Zugang zu Feridun Zaimoglus Roman bekommen. Zu fremd blieben mir die Figuren, vor allem Isabels launenhaftes Hin und Her, das nicht wirklich erkennen ließ, dass sie irgendeinen Plan hat, hat mich eher genervt als Verständnis für sie zu wecken. Auch die entstehende Liebe zwischen ihr und dem Soldaten – der auch meist nicht mit seinem Namen, sondern seiner ehemaligen Funktion genannt wird, was ich sehr verstörend fand – hat sich mir nicht erschlossen. Sind sie eine Zweckgemeinschaft, ein sich gegenseitig bemitleidend und haltendes Notbündnis? Natürlich gehören in dieses Setting die Menschen, mit denen man nicht unbedingt täglich Umgang haben möchte, sprechen diese eine Sprache, die man abstoßend und vulgär finden kann – das hat der Autor auch glaubwürdig und authentisch eingefangen, aber was bleibt über die Atmosphäre hinaus? Für mich gibt es keine wirkliche Erkenntnis nach dem Lesen, denn auch Sozialkritik kann ich nicht entdecken. 2014 war das Buch für den deutschen Buchpreis nominiert. Nimmt man einen ähnlichen Kandidaten aus 2016, Philipp Winklers „Hool“, der ebenfalls in einem schwer zugänglichen Milieu angesiedelt ist, so kann dieser jedoch mit viel differenzierterer Betrachtung und klarer Message punkten. Was auch immer Zaimoglu sagen wollte, mir hat er nichts sagen können.

Richard Flanagan - Die unbekannte Terroristin

Rezension, Roman, Terror

Gina Davis, genannt Puppe, hat Träume, mit dem Geld, das sie sich als Tänzerin in einer Nachtbar verdient, will sie irgendwann ein neues Leben anfangen. Bald schon wird sie genug zusammen haben, um eine eigene Wohnung anzuzahlen. Als Puppe nach den Mardi Gras Feiern mit einem Mann eine Nacht verbringt, ahnt sie schon, dass dies vielleicht ihrem Leben eine neue Wendung gibt, immerhin haben sie Nummern ausgetauscht. Und tatsächlich wird ihr Leben nicht mehr so sein wie zuvor: der Unbekannte war ein vermeintlicher Terrorist und sie die letzte, die mit ihm gesehen wurde. Auf pixeligen Bildern einer Überwachungskamera ist zu sehen, was die Polizei und die Medien sehen wollen: ein Terroristenpaar, das Australien in Angst und Schrecken versetzen will. Die Terrorfahndung läuft und Puppe versucht davonzulaufen.

Richard Flanagan bringt die vermutlich schlimmsten Ängste der „einfachen“ Bevölkerung auf den Punkt: einerseits der Terrorist, der wie ein guter Bürger unbekannt und unbehelligt neben einem wohnt und seine perfiden Pläne schmieden kann; andererseits das Opfer einer unheimlichen Verschwörung zu werden und keinen Ausweg mehr zu finden. Das Setting seines Romans bietet genau dies: auf der Polizei, Geheimdiensten und Politikern lastet ein enormer Druck, dem Volk Schuldige zu präsentieren, zu zeigen, dass man die Lage im Griff hat und schnellstmöglich Verbrecher ausschalten kann. Dass dieser Druck bisweilen zu voreiligen oder gar falschen Ergebnissen führt, ist offenkundig. Auf der anderen Seite steht die Protagonistin, die ihre Lage lange Zeit gar nicht erfassen kann und dann wie ein verschüchtertes Tier getrieben wird von den Medien und den Ordnungsorganen bis sie sich selbst zu einer reinen Verzweiflungstat genötigt sieht. Innerhalb weniger Tage wird aus einer Zeugin eine schwarze Witwe, die meistgesuchte Täterin Australiens, eine Frau, deren Leben in die Öffentlichkeit gezerrt wird. Wie sich aus einer einzigen Information ein ganzes, verzerrtes Bild entwickeln kann und wie sich diese Dynamik nicht mehr aufhalten lässt, zeigt Flanagan auf beeindruckende Art und Weise.

Der Roman kann vor allem überzeugen durch die gelungene Kombination einer spannenden, fast krimihaften Story, die mit recht hohem Tempo voranschreitet und von einer glaubwürdigen, facettenreichen Protagonistin getragen wird. Zum anderen von Flanagans kritischen Darstellung des Lebens in einer verängstigten Gesellschaft. Die Menschen sind bereit zu glauben, was die Medien ihnen vorsetzen. Die Medien stehen unter dem permanenten Druck neue und vor allem sensationelle Nachrichten zu produzieren, um ihre Stelle am Markt zu behaupten. Die Politiker müssen liefern, Stärke zeigen und können lange Ermittlungen nicht dulden. Ein Teufelskreis indem alle sich gegenseitig antreiben und dabei völlig den Blick für die Realität verlieren, nicht mehr hinterfragen und bereit sind, die absurdesten Szenarien für möglich zu halten. Wer hier zwischen die Räder der Maschinerie gerät, kann nicht mehr heile rauskommen.

„Die unbekannte Terroristin“ – ein literarischer Beitrag zu aktuellen Entwicklungen, der uns vor Augen führt, dass wir gelegentlich innehalten und fragen sollten, ob wirklich alles so ist, wie es scheint und wer gerade bestimmt, was wir sehen und glauben sollen.

Herzlichen Dank an den Piper Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zum Titel finden sich auf der Seite des Verlags.

Donnerstag, 6. Oktober 2016

Zelda Fitzgerald - Himbeeren mit Sahne im Ritz

Rezension, Kurzgeschichten

Die Roaring Twenties in den USA gleichermaßen wie in Frankreich. Zelda Fitzgerald hat das bewegende und bewegte Jahrzehnt in ihren Kurzgeschichten festgehalten. Jedoch gibt es eine Besonderheit: die Autorin schreibt über Frauen. Junge Frauen, denen die Männer nichts zutrauen und die sich über sie erheben, Frauen, die ihren Weg gehen und ihrem eigenen Kopf folgen, statt die Erwartungen der Gesellschaft zu erfüllen. Sie gehen tanzen, schauspielern, verwirklichen sich beruflich, träumen von Männern und geben alles für sie auf. Auf den großen Bühnen der Welt ebenso zu Hause wie in der amerikanischen Provinz. Frauen, die bereit sind, alles zu geben, für ein Leben nach ihrem Maß. Elf Mal legen sie Zeugnis ab, was Frauen schon vor 100 Jahren für ein selbstbestimmtes Dasein gewagt haben.

Zelda Fitzgerald – oft nur als Frau des bekannten F. Scott Fitzgerald wahrgenommen – zeigt, dass das Autorenpaar auf Augenhöhe die Kunst des Schreibens beherrschte. So komplex F. Scott seine Charaktere wie den unvergessenen Great Gatsby zeichnete, so vielfältig und unterschiedlich gelingt es auch Zelda in den Kurzgeschichten das Spektrum an selbstbewussten Frauen darzubieten. Sie sind mutig, anpackend, selbstbewusst, unbeirrbar, zielstrebig und zugleich begehrenswert, attraktiv, talentiert und werden bewundert. Flapper Girls, die sich auch in Paris finden ließen, die den Männern in nichts nachstanden und das Leben in vollen Zügen zu genießen wussten.

Die Geschichten sind allesamt ein Spiegelbild der 20er Jahre und lassen den Weg verfolgen, den auch Zelda und ihr Ehemann gingen. Die Handlungsorte sind im Wesentlichen in den USA und Frankreich zu finden, wo das Paar zu Hause war.  Vieles, was wir über die Frauen in den Geschichten lesen, stammt wohl auch aus Zeldas unmittelbarem Umfeld bzw. direkt aus ihrem eigenen Leben. So hat sie, ebenso wie ihr Gatte, ihre eigenen Erfahrungen als Vorlage für das literarische Werk genutzt und kann als Dokument der 1920er Jahre gelesen werden. Sprachlich bisweilen raffiniert formuliert, mal starke Gegensätze aufbietend, mal verdächtiges Understatement, das durch die Handlung mehr als widerlegt wird. Es macht nicht nur Spaß, den Frauen zuzusehen, sondern auch zu lesen, wie Zelda Fitzgerald sie verbal in Szene setzt.


Unbedingt erwähnt werden muss das wunderschöne Cover des Buches. Im Allgemeinen für mich eine unbedeutende Nebensache, hat Manesse es hier aber geschafft, ein hochattraktives Titelbild zu schaffen, das unheimlich gut die Zeit einfängt und Freude beim Betrachten macht. Das Nachwort von Felicitas von Lovenberg sollte ebenfalls nicht vergessen werden, bringt sie die Geschichten nochmals auf einen Nenner und ordnet sie prägnant und informativ in ihren Kontext ein. 


Herzlichen Dank an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zum Titel finden sich auf der Seite der Verlagsgruppe RandomHouse.

Dienstag, 4. Oktober 2016

Bregje Hofstede - Der Himmel über Paris

Roman, Rezension, Paris

Schon als er sie zum ersten Mal bei einem Freund Paul sieht, ist es um Olivier geschehen. Diese Ähnlichkeit, nicht zu fassen. Kann Sofie, genannt Fie, die Tochter von Mathilde, seiner Freundin aus jungen Jahren, sein? Als Paul ihn bittet, die junge Studentin, die gerade ein Auslandssemester in Paris verbringt, zu unterstützen, kann er dies schlecht verweigern. Was als Hilfe im Studium der Kunstgeschichte beginnt, entwickelt sich nach und nach zu einer schwer definierbaren Beziehung, die aber immer für beide den Hauch des nicht Erlaubten hat, schließlich ist er ihr Professor, deutlich älter und sie eine junge attraktive Studentin. Als Fie in Not ist, sucht sie Hilfe bei ihm, doch was sie damit auslöst, ist nicht abzusehen.

Ein Roman, der so wundervoll beginnt und dann doch leider in vorhersehbare Banalität abdriftet. Die ersten Begegnungen von Fie und Olivier sind geprägt von großer Unsicherheit, die die Autorin wirklich gelungen in Worte zu fassen schafft. Oliviers plötzlich hochkommende Erinnerungen an die Zeit mit Mathilde, die Schuldgefühle wegen des Kindes, das sie nie bekommen haben, die Zuneigung und Liebe, die er plötzlich wieder spüren kann wie damals. Gleichzeitig Fies Einsamkeit in der Fremde, die Leere und Unsicherheit, die Unmöglichkeit, mit diesen Menschen, die alle gerade die beste Zeit ihres Lebens zu haben scheinen, in Verbindung zu treten. Man kann sich als Leser vor dem Emotionsstrudel der beiden Protagonisten kaum retten. Man spürt, dass sich die Lage verändern, zuspitzen wird. Doch dann verläuft sich der Roman leider in wenig überraschenden Bahnen, die so abgedroschen sind, dass man sie gar nicht wiederholen mag. Leider kann die Autorin keine Überraschungen bieten, sondern bewegt sich auf ausgetreten Pfaden und der Zauber, der zuvor herrscht, löst sich in Luft auf.


Fazit: über weite Strecken lesenswert, berührend, die leicht melancholische Stimmung hervorrufend, die man nur in Paris erleben kann und die dann leider in einem raschen, einfallslosen Ende mündet.

Rafael Chirbes - Paris-Austerlitz

Roman, Rezension

Eine Flucht vor der Familie, dem konservativen Leben in Madrid. Ein junger Maler ist auf der Suche nach der Realisierung seiner Träume. Ziel ist die Stadt der Liebe, Paris, wo er zunächst ohne Arbeit und ohne Wohnung bei dem älteren Michel unterkommt. Die beiden Männer verlieben sich und teilen Wohnung, Bett, Leben. Doch es bleibt immer eine Lücke, nie sind sie völlig vereint. Die Klassenunterschiede, das Alter, aber auch Michels Erwartungen an eine bedingungslose, aufopferungsvolle Liebe halten sie davon ab, völlig ineinander aufzugehen. Ein feiner Riss, der größer wird, je mehr sich der junge Maler emanzipiert und auf eigenen Beinen steht. Doch die endgültige Trennung kann nicht durch getrennte Wohnungen geschehen, nicht durch neue Partner, nicht durch Verleugnung. Erst der Tod kann sie endgültig entzweien.

Ein Roman wie ein Abschiedsbrief. Ein Brief, geschrieben aus voller Emotion und innerer Erregtheit heraus. Dies zeigt sich vor allem in der Struktur; nicht zielgerichtet chronologisch lässt Chirbes seinen Erzähler berichten, sondern sprunghaft, in konzentrischen Kreisen, die Michel im Mittelpunkt haben, sich mal näher um ihn drehen, mal weiter entfernt sind. Der regelrechte stream of consciousness lässt die aufgewühlte Stimmung, in der der Erzähler sich befindet, besonders stark hervortreten. Zunächst die unmittelbaren, zeitnahen Erinnerungen an den Geliebten, dann der Rückblick auf das Kennenlernen und wieder eine Annäherung an die Gegenwart. Teils die Beziehung analysierend, teils fast egoistisch emotionsgeladen wird auf die gemeinsame Zeit geblickt. Man kann sich kaum vorstellen, dass dies bloße Imagination des Autors sein soll, zu wirklich und real erscheinen die Gedanken.

Neben der Frage danach, wie weit Liebe gehen darf oder muss, reißt Rafael Chirbes noch eine Reihe andere Themen an. Die Lossagung von den Eltern, deren Erwartungen und die nie zu lösende Verpflichtung, die man als Kind ihnen gegenüber empfindet. Gleichzeitig auch Homosexualität und die Frage, wie diese aufgenommen wird. Verhindert der Erzähler das Treffen zwischen Michel und seiner Mutter, weil er denkt, dass er die Erwartungen und Hoffnungen nicht erfüllt und die Enttäuschung nicht noch verstärken möchte, indem er den Partner real werden lässt? Oder schämt er sich wegen der Klassenzugehörigkeit, weil Michel nicht seinem Stand entspricht? Darf Liebe durch so etwas in Frage gestellt werden oder gar scheitern? Michels Erkrankung wird nicht namentlich genannt, es gibt gewisse Hinweise, die auf AIDS hindeuten, auch die Sorge, sich infiziert zu haben, treibt den Erzähler um. Durchaus ein Thema, was insbesondere unter Homosexuellen präsent ist.


Rafael Chirbes greift auch auf bekannte Sujets zurück. Die Großstadt, insbesondere Paris als Ziel der Träume, aufgeladen mit hohen Erwartungen an das berufliche und private Glück. Die Gare d’Austerlitz als Ankunftspunkt der Züge aus dem Süden Frankreichs, die erste Begegnung mit der Hauptstadt. Das Wandern durch die Bars, die kurzen, flüchtigen Begegnungen dort ebenso wie die Stammgäste, die sich allabendlich treffen. Auch das ist Chirbes‘ Roman und das Pariser Leben, das gegenüber den Neuankömmlingen schonungslos sein kann und seine Bewohner bisweilen hartherzig und grausam behandelt. In dieser Weise zeichnet auch der Roman kein liebestrunkenes Bild in rosarot, sondern ein buntes Kaleidoskop der menschlichen Emotionen.

Ein herzlicher Dank geht an den Verlag Kunst für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zum Titel finden sich auf der Verlagsseite.

Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2016: Flandern & die Niederlande

Ehrengast Flandern & Niederlande

Ehrengast der diesjährigen Frankfurter Buchmesse sind Flandern & die Niederlande. Unsere westlichen Nachbarn sind literarisch oft nicht so präsent wie andere Länder, aber sie sollten keineswegs unterschätzt werden.

Im Schnitt werden bei uns jährlich aus diesem Sprachraum 85 Bücher in Übersetzung veröffentlicht, in den vergangenen Monate waren es über 370, darunter rund 230 literarische Werke. Das Interesse an flämisch/niederländischer Literatur ist groß und das völlig zurecht. Beim Stöbern in meinen Büchern bin ich ebenfalls auf einige aktuelle Schätze gestoßen, die ich anlässlich der FB2016 hier vorstellen und empfehlen möchte:

Peter Terrin – Monte Carlo
erschienen: 01.09.2016 im Berlin Verlag
Ein Ausflug in das Jahr 1968 und den legendären Formel 1 Parcours von Monte Carlo. Klingt nach Motoröl und wenig Tiefgang, entwickelt sich aber ungemein eindrucksvoll.

Ernest van der Kwast – Fünf Viertelstunden bis zum Meer
erschienen: 08.08.2016 bei btb
Italienische Sehnsucht in der Nachkriegszeit, eine Liebe, die Jahrzehnte braucht, um sich zu realisieren.

Ernest van der Kwast – Die Eismacher
erschienen: 09.05.2016 bei btb
Einmal mehr stehen Italiener im Focus des Autors. Dieses Mal die legendären Eishersteller, die ihre Winter in Italien verbringen, um dann im Sommer ihre Kunst nach Nordeuropa zu bringen.

P.B. Gronda – Straus Park
erschienen: 27.06.2016 im Luchterhand Literaturverlag
Den schweren Umgang mit dem Erbe und der zurecht gelegten Vergangenheit beleuchtet P.B. Gronda in seinem sehr empfehlenswerten Roman, der sich völlig ungeahnt entwickelt.

Britta Bolt – Das Büro der einsamen Toten
erschienen: 11.03.2015 bei Hoffmann und Campe
Ein literarischer Krimi mit einem ungewöhnlichen Protagonisten. Pieter Posthumus wickelt den Nachlass der Amsterdamer einsamen Toten, diejenigen, die keine Angehörigen mehr haben, ab und stößt dabei bisweilen auf Ungereimtheiten.

Bert Wagendorp – Ventoux
erschienen: 27.06.2016 bei btb
Wagendorp entführt uns in die 80er Jahre und mit einer Gruppe Jugendlicher an den legendären Mont Ventoux, den zu bezwingen schon immer Traum zahlreicher Radfahrer war.

Lodewijk van Oord – Das letzte Nashorn
erschienen: 21.03.2016 bei Knaus
Ein kleiner Privatzoo in Amsterdam, eine kühne Idee und wilde Tiere. Leichtfüßig und doch tiefgründig.

Lot Vekemans – Ein Brautkleid aus Warschau
erschienen: 01.02.2016 im Wallstein Verlag
Eine Flucht, ein neues Leben und das alte kann doch nicht abgelegt werden. Unerfüllte Hoffnungen, nie realisierte Träume und keine Zukunft.

Gustaaf Peek – Göttin und Held
erschienen: 22.08.2016 bei DVA Belletristik
Eine Liebe über Jahrzehnte, die immer wieder gelebt wird und ausgesetzt wird. Erzählt auf ungewöhnliche Weise, die vom Leser einige Aufmerksamkeit erfordert, ihn dafür aber belohnt.


Montag, 3. Oktober 2016

Sarah Combs - The Light Fantastic

novel, review

Delaware, April 19th. It’s her birthday, April’s birthday. April Hope Donovan, that special girl with a special memory. She suffers from hyperthymesia, a condition of not being able to forget. And this is how she links especially negative events with her life. She was born on the day of the Oklahoma City bombing, four years later, the Columbine High School massacre, four days before her 18th birthday, the Boston marathon is bombed. Her whole life seems to turn around those hideous events. She can remember all the details of her life, but what she does not know yet is that the next catastrophe is already knocking on the door. All over the country, desperate teenagers have secretly gathered around the so called Mastermind to seek revenge. And one of them is close to April.


The story actually does not only revolve around April, but she is the most interesting of all characters and especially at the beginning of the novel, when she explains her brain disposition, it is great fun to follow her thoughts. Adding the other characters spread across the USA first lead to a bit of confusion, it takes some time until you realize how they are connected and what they have in mind actually. All individual stories do have some interesting and even gripping aspects, but since they rotate at a high space you do not really get into them. This makes the whole novel stay on the surface, even though the content and message would have deserved to be looked at more closely. This is the reason why I am a bit disappointed. I liked the tone of the novel, especially April’s narrative, but the author could have made more of the idea.

Peter Terrin - Monte Carlo

Roman, Rezension

Jack Preston hat es geschafft. Vom kleinen Mechaniker bis zum Teil des Lotus Teams in der Formel 1. Nur noch Minuten sind es bis zum Start in Monte Carlo 1968. Die Stimmung ist ausgelassen, nicht zuletzt wegen Deedee, dem bewunderten Filmstar, die sich im Fürstentum zu diesem sportlichen Ereignis die Ehre gibt. Doch ein tragisches Ereignis wird sich für immer ins Bewusstsein der Zuschauer brennen: eine Stichflamme über dem Lotus. Jack kann sich geistesgegenwärtig auf Deedee werfen, schwere Verbrennungen sind die Folge für den Techniker, das Filmsternchen kommt ohne Verletzungen davon. Wieder im heimatlichen England wartet Jack auf seine Anerkennung als Retter, doch Deedees Bodyguard ist in aller Munde, er bleibt namenlos, unerkannt. Er glaubt an göttliche Gerechtigkeit, ruft den Allmächtigen an. Als dies nicht hilft, versucht er Kontakt aufzunehmen, ebenfalls ohne Erfolg. Doch es wird noch ein Zeichen kommen, das für vermeintliche Gerechtigkeit sorgt, allerdings nicht so, wie Jack sich das gedacht hat.

Peter Terrins Roman legt viele Deutungen nahe und hat trotz der Kürze von weniger als 200 Seiten eine ungeahnte Tiefe. „Monte Carlo“ – Hauptstadt des Fürstentums an der Côte d’Azur, seit jeher mit Glanz verbunden, mit Träumen vom Prinzessin sein und Grace Kelly, die diesen Traum für sich verwirklichen konnte. Aber in ihr ist auch schon die Spannung angelegt, denn ein jähes Ende wartete auf sie, das auch im Roman, wenn auch auf andere Weise, wiederholt wird. Die Realität lässt nun einmal Träume nicht zu. Die Formel 1, das legendäre Rennen auf dem schmalen Parcours der städtischen Straßen. Sicherlich eine der bekanntesten und legendärsten Rennstrecken, die unzählige Opfer forderte und dadurch nur ihren Reiz erhöhen konnte. Auch bei Terrin fordert das Rennen Opfer, auf und neben der Rennstrecke, im Rampenlicht und abseits im Schatten. Das Jahr 1968, geprägt von großen Veränderungen, vom Aufbrechen alter Ordnungen und zumindest dem Anschein neuer Möglichkeiten.

Große Erwartungen schickt der Autor dem Roman voraus und man wird nicht enttäuscht. Zunächst fängt Terrin die Atmosphäre vor dem Rennen ein. Der Fürstenhof mit den üblichen Ritualen, die Zuschauer zwischen gebanntem Staunen und freudiger Erwartung, die Rennställe mit letzten Handgriffen. Man taucht ein in diese sonderbare Mischung und jeder Moment kann auf seine Weise faszinieren. Terrin schildert Details, vermeintlich unbedeutend und doch mit erheblicher Tragweite, die der Mensch aber noch gar nicht erfassen kann. Danach der Bruch, fernab der Blitzlichter der Weg zurück ins Leben. Die Erwartungen eines einfachen Mannes, der sich immer korrekt verhalten hat und nun ebenso erwartet behandelt zu werden. Das Ausbleiben des Dankes, die fehlende Anerkennung, der langsam aufkommende Spott. Mehr und mehr versinkt Jack Preston in seiner Enttäuschung, die bald zur Wut wird. Seine Welt gerät aus den Fugen, die göttliche Ordnung von Gerechtigkeit ist aus den Fugen geraten und muss korrigiert werden. Man kann diesen Prozess der größer werdenden Verzweiflung förmlich greifen, lange noch ein banges Hoffen, das Ausmalen dessen, was in seiner Vorstellung zwingend geschehen muss; dann die Verzagtheit darüber, dass er von der Welt übergangen und vergessen wird. Das göttliche Korrektiv folgt, doch bleibt auch hier die faire Anerkennung für seine Tat aus. Am Ende ein kurzer Einwurf, die Option auf einen anderen Ausgang, den es jedoch nicht geben wird, weil ein einziger Mensch sich anders entschieden hat, nicht wissend, was dadurch hätte ausgelöst werden können. Der Schlag des Schmetterlings der den Lauf der Dinge hätte verändern können – er bleibt aus.


Es sind nicht die großen Themen, die suggeriert werden, sondern der Seelenzustand des kleinen Mannes, der diesen Roman trägt und ihm die Tiefe verleiht. Zahlreiche Anspielungen lehnen den Roman an die Realität an, er bleibt jedoch fiktiv und lässt uns so mit der Frage zurück, welchen Einfluss wir auf das haben, was in unserem Leben geschieht und wo andere Kräfte walten und wir nur tatenlose Zuschauer im eigenen Leben bleiben können. 

Ein herzlicher Dank geht an den Berlin Verlag für das Rezensionsexemplar. Weitere Informationen zum Titel finden sich auf der Verlagsseite.

Sonntag, 2. Oktober 2016

Jonathan Safran Foer - Here I am

novel, review

How do you define yourself when living a modern life in Washington D.C. and being a Jew? Jacob and Julia do not really struggle with this question, too much does everyday life demand of them. Their three sons Sam, Max and Benji are raised like any other child, but some of the Jewish traditions have to be maintained, e.g. Sam’s bar mitzvah and the schooling before the day of becoming a man. While caring for the kids, Jacob and Julia somehow have lost the love they once had and now have to face the end of their marriage. When an earthquake hit the Middle East and Israel as well as the surrounding Muslim countries are struggling to survive, Jacob has to ask himself if he actually leads the life he wants to leave, if he has become the person he wanted to be and most of all, what his religion means to him and how much, in times of greatest emergency, he is willing to give.

“Here I am” refers to Abraham’s response to God’s call to sacrifice his son. Jonathan Safran Foer’s latest novel is deeply religious and spiritual – on the one hand. On the other, we have an average family who struggles to remain what they are and not to forget their individual needs because of every day’s demands. And thirdly, it is highly political since it portrays typical reactions of Middle East countries and raises the question of what is acceptable.

Quite some topics all in one books. This sounds a bit too much and, actually, it is. At some points, I had the impression the author has lost the track and roams around not knowing where to go exactly. Then again, we have very acute observations and descriptions, also the very appealing typical Jewish humour makes you take a deep breath because you can hardly believe that anybody could really dare to pronounce what has been said.

The strongest aspects of the novel are for me definitely the account of what happens in Israel and the area around after the earthquake. Frighteningly, I believe that the countries in question would react exactly in the Way Jonathan Safran Foer shows them. Ignorant, selfish, despicable, inhumane. The unwillingness to seek enduring peace in the region, no matter who is to blame, is something which must be criticised in all possible ways. Literature should be one of them. The second interesting question is the one of identity of Jews not living in Israel. How can they stick to the traditions, what happens to the old rites when being a minority in a non-Jewish country, how strong are the bonds between Jews and Israel – when though they have never lived there. And to what extent are they also defined by what the Israel government does? The last is a question every couple has to confront at a certain point in their relationship:  how can you save the initial state of being in love over many years and how can you hinder it from vanishing slowly and unnoticed?

A lot of food for thought in this novel. At points, it is hilarious, at others poignant. Jonathan Safran Foer can without the slightest hesitation be considered one of the best American writers of first decades of the 21st century. A bit less ambition in this novel and it would have been perfect.


Samstag, 1. Oktober 2016

Florian Scheibe - Kollisionen

Roman, Rezension

Eine zufällige Begegnung, einen Moment nicht aufgepasst und schon werden zwei Menschen miteinander verbunden. Die 16-jähige Mona läuft der Architektin Carina vor das Fahrrad und provoziert so einen Zusammenprall. Diese Kollision hat Folgen für beide Frauen, denn Carina ist das, was Mona verabscheut: gutbürgerlich, lukrativer Job, Teil der Gesellschaft. Mona dagegen lebt auf der Straße und von Heorinschuss zu Heroinschuss. Doch sie hat noch etwas, um das Carina sie beneidet: Mona ist schwanger. Diese erste Kollision hat scheinbar kaum physische Folgen, doch sie verändert nachhaltig Carinas Leben: nach und nach bricht alles zusammen und bald schon steht sie vor einem Trümmerhaufen, der einmal ihr Leben war.

Der Roman klang vielversprechend: zwei völlig gegensätzliche Frauen, die sich begegnen und in der Folge eine unsichtbare Verbindung haben, die sie immer wieder zueinander führt. Ein junges Mädchen, eine erwachsene Frau; eine Drogensüchtige, eine erfolgreiche Karrieristin; eine Schwangere, eine mit Kinderwunsch. Doch wird die Grundidee nicht überzeugend umgesetzt. Die Handlung wird von unglaubwürdigen Zufällen bestimmt, die einfach zu konstruiert wirken, als dass sie real sein könnten. Kaum eine der Begegnungen ist nachvollziehbar motiviert, sondern sie ereignen sich immer, weil gerade unzählige Dinge unbeabsichtigt passieren. Dazu ist mir die Figurenzeichnung zu unstimmig. Insbesondere die Nebenfiguren wie Monas Mutter wirken unausgereift und haben je nach Szene ein völlig anderes Auftreten, was sie fast wie gänzlich verschiedene Figuren wirken lässt. Hinzu kommt die Bedienung unzählige Klischees: die Volontärin, die sich dem Reporter an den Hals wirft, um ihre Karriere zu befördern; die Drogenabhängigen, die gleichzeitig Autonome und Brandstifter sind; die Kinderwunschklinik mit der Vorbildärztin, die sich ihr Kind selbst gezaubert hat; das Mädchen aus gutem Haus, das in die Drogenszene abdriftet…

Gefreut hatte ich mich auf interessante, starke Frauenfiguren, die in der Interaktion miteinander wachsen und interessanter werden. Carina fällt immer mehr in sich zusammen und entwickelt einen echten Nervfaktor. Sie wird mehr und mehr reduziert auf den Kinderwunsch, dabei muss es in ihrem Leben zuvor noch anderes gegeben haben. Es mag Frauen geben, die ihr ganzes Dasein verleugnen vor dem einen großen Wunsch, aber dadurch verliert man doch nicht gleich jede Lebensfähigkeit. Mona hingegen wird mir am Ende zu erwachsen und ihre Welt ist mir ein wenig zu rosarot. War sie zu Beginn drogenabhängig und schwanger, kann sie leichter Hand alle Probleme plötzlich lösen. Und das mit 16 auf sich alleine gestellt.


Sprachlich liest sich der Text gut, nur leider kann der Inhalt hier nicht mithalten und so das Buch als Ganzes nicht überzeugen.

Lovelybox "Best of British"


Seit einiger Zeit gibt es auf lovelybooks.de die sogenannte "Lovelybox" zu gewinnen. Zu wechselnden Themen können Blogger sich um eine ganze Bücherbox bewerben. Im September war das Thema "Best of British" und tadaaaa: ich habe gewonnen :-)



In der Box versteckten sich neben Leseproben und den bekannten lovelybooks Lesezeichen auch drei Bücher:


Rose Tremain - "Und damit fing es an"
Hannah Rothschild - "Die Launenhaftigkeit der Liebe"
Kate Eberlen - "Miss you"



Ich muss gestehen, dass ich davon ausgegangen war, dass es englische Bücher zu gewinnen gibt und deshalb aber etwas überrascht war. Nichtsdestotrotz eine tolle Box. Zwei der Bücher kenne ich zwar schon, aber das tut der Freude keinen Abbruch. Insgesamt eine wirklich tolle Aktion von lovelybooks.



Belinda McKeon - Zärtlich

Rezension, Roman

Gerade die Schule beendet, freut sich Catherine auf das Studentenleben in Dublin, weit entfernt von der konservativen Familie auf dem Land. In ihrer WG ist sie sich schnell angekommen und fühlt gut aufgenommen. Als ihr Vormieter zu Besuch kommt, ist es um sie geschehen: sofort verliebt sie sich in den smarten James, der gerade ein Jahr in Berlin als Assistent eines berühmten Fotografen verbracht hat. Doch die Liebe kann nicht erwidert werden, denn James ist schwul. Auch wenn die Gesetzeslage in Irland Ende der 1990er Homosexualität nicht mehr unter Strafe stellt, ist dies doch immer noch weit davon entfernt, gesellschaftlich akzeptiert zu werden. James geheimes Leben wird durch die öffentliche Zuneigung und enge Beziehung zu Catherine kompensiert. Diese verschließt lange die Augen vor der Realität und will nicht wahrhaben, dass diese Liebe nie existieren wird.

Das Buch klang nach sehr viel Gefühl und Zuneigung zwischen zwei Menschen. Leider konnte der Roman mich so gar nicht packen. Die beiden Protagonisten bleiben mir fremd und konnten mich zu keinem Zeitpunkt der Handlung wirklich überzeugen, die Beziehung war mir zu wenig glaubwürdig und die Erzählweise mit unzähligen Sprüngen nach vorne und zurück hat auch nicht unbedingt dazu beigetragen, die Entwicklung der beiden zu verdeutlichen. Auch das Ende, viele Jahre später, weitgehend nichtssagend, war irgendwie überflüssig. Die Handlung an sich finde ich thematisch immer noch interessant, auch wenn es schwer nachzuvollziehen ist, wie Homosexualität Ende der 90er in einer europäischen Hauptstadt so verachtet gewesen sein soll. 

Alles in allem, leider eine Enttäuschung, viele gefüllte Seiten ohne Inhalt und Leidenschaft. 

Montag, 26. September 2016

J.M. Coetzee - The Schooldays of Jesus

Review, Novel, Man Booker Prize Longlist

Simón, Inés and Davíd had to flee and now come to Estrella where they hide among fruit pickers. Quickly it becomes obvious that Davíd is not an ordinary child, he asks a lot of questions and at the same time his view of the world cannot really be understood. When he is enrolled in the Academy of Dance – public schools are no option for obvious reasons – he feels comfortable and at home. The school’s strange philosophy seems to give him everything he needs and dancing becomes a new passion for him. For Simón and Inés this is difficult to understand and with the child’s gradual alienation they also find it more and more difficult to agree with each other.

J.M. Coetzee’s novel was nominated on the 2016 longlist for the Man Booker Prize. Normally, this is an indicator for me to read and book and I was never disappointed. However, this time the novel really had me despaired. First of all, I could hardly orientate in the novel. Where are we? And when? At least approximately. As I figured out in the meantime, there is another novel by Coetzee called “Childhood of Jesus” which might give some explanation to that. Second, most of the book is about the academy’s philosophy – and this was completely lost to me. Even more than to the protagonist Simón who also does not understand the least of what the teachers try to explain. Thirdly, which is closely linked to my first point, the family relationships were all but clear to me, this might be due to the fact that there is a first book in the series that I was not aware of.

Leaving aside the unease while reading, what does this text qualify for the Man Booker Prize nomination? It raises some questions which are definitely worth asking: who am I? What defines me? Which role do the family and the surrounding play in constructing me? Additionally, we have complex inner and out of family relationships which develop, intensify and loosen in the course of the story. The way especially Simón and Davíd not only interact but also react and define themselves through the other are quite interesting to observe.


All in all, I guess a lot of the story was lost to me. Unfortunately, there was too much I was wondering about to really enjoy it. 

Sonntag, 25. September 2016

Philipp Winkler - Hool

Roman, Rezension, Shortlist, Deutscher Buchpreis 2016

Wenn das Leben wenig zu bieten hat und die eigene Familie sich in ihre Bestandteile aufgelöst hat, braucht man einen Ersatz. Heiko hat ihn gefunden: gemeinsam mit seinen Kumpels ist er nicht nur Fan von Hannover 96, sondern Hool. Wenn die Fußballer ihre Duelle auf dem Platz austragen, freuen sie sich schon auf die dritte Halbzeit, wenn die Anhänger der Teams auf der Straße aufeinander treffen und in heimlichen Fights nach ihrem Sieger suchen. Sein Onkel Axel, Inhaber eines Gym mit illegalen Nebengeschäften, hat ihn schon früh an die Hand genommen, als sein Vater in Depressionen versank nachdem die Mutter davongelaufen war. Genau wie Axel wird auch Heiko den Absprung nicht schaffen, obwohl sich nach und nach die Kumpels in ein bürgerliches Leben verabschieden. Welches Leben wartet auch schon auf ihn? Er hat doch nur die Fights.

Philipp Winklers Roman ist einer der sechs verbliebenen der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2016. Thematisch sicher der ausgefallenste von den Nominierten, die ich gelesen habe. Heiko ist ein krasser Außenseiter, der am Rand der Gesellschaft lebt und dessen Dasein von einem ganz anderen Takt und anderen Werten bestimmt wird. Man teilt seine Einstellung über weite Strecken nicht und dennoch kann man nicht sagen, dass er einem gänzlich unsympathisch ist. Das, was er seinen Freunden an Zuneigung und Hilfe entgegenbringt, ist schon beachtenswert – allerdings sind diese auch seine Ersatzfamilie nachdem dir originäre sich aufgelöst hat. Eine völlig ausgereifte Figur mit vielen Facetten, kein unbedarfter Teenager mehr, aber auch noch nicht ganz im Leben angekommen. Nicht auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, kein großer Zweifler, aber im eigenen Leben nicht zu Hause und das richtige ist nur manchmal verschwommen am Horizont erkennbar.

Worin liegt die Qualität des Romans, die die Nominierung rechtfertigt? Ein Einblick in das Leben eines Menschen am Rande der Gesellschaft, thematisch gewagt; mit Hooligans werden nicht viele Leser etwas anfangen können, es mag sogar eher verschrecken – insbesondere Titel und Cover sind hier sehr drastisch, was jedoch zum Buch passt. Die Konstruktion des Romans wird nicht gleich offensichtlich, es dauert ein wenig, bis man durchschaut, was Winkler sich da ausgedacht hat. Wir werden nicht chronologisch durch die Handlung geführt, sondern haben zwei Stränge: Heikos Leben im Jetzt, das zeitlich voranschreitet und Heikos Leben in der Familie, das rückwärts läuft und erst spät aufklärt, wie es zur Fragmentierung kam. Eine sehr gelungene Erzählweise, die sich kompliziert anhört, aber dennoch gut zu lesen ist. Der Ton ist glaubwürdig getroffen und passt zur Szene. Alles in allem, ein in sich völlig stimmiger und runder Roman, auf den es lohnt, sich einzulassen.

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