Samstag, 15. November 2014

Francis Durbridge - Paul Temple und der Fall Gilbert

Eigentlich ist Paul Temple schon auf dem Weg in den Urlaub, als er Besuch von Wilfried Sterling erhält. Dessen Tochter Brenda wurde ermordet und der vermeintlich Schuldige zum Tode verurteilt. Der Vater hat jedoch Zweifel und bittet Temple um Hilfe. In Brendas Tagebuch gab es einen Eintrag, ein Treffen mit L. Fairfax, den jedoch niemand zu kennen scheint. Temples Interesse ist geweckt und als kurze Zeit später eine von Brendas Freundinnen ermordet aufgefunden wird, ist er sicher, dass der junge Gilbert nicht der Mörder sein kann. Doch egal wo er auch Nachforschungen anstellt, der Fall wird immer komplexer und immer mehr Verdächtige erscheinen auf der Bildfläche. Bald schon geraten Temple und seine Frau Steve selbst ins Visier des Mörders.


Man kann diese Klassiker der Krimigeschichte nur lieben. Natürlich sind die Figuren überzeichnet und Kommissar Zufall spielt auch mit, aber aus heutiger Sicht erscheinen sie alle sehr liebenswert und herzlich. Was mich insbesondere an dem Paul Temple Fällen immer wieder überzeugt: eine in sich stringente und logische Handlung, die nicht durch technischen Schnickschnack, sondern durch die Cleverness des Ermittlers gelöst wird, der die Menschen geschickt führt und überführt. 

Edward St Aubyn - Lost for Words

Der „Elysian Prize for Literature“ soll vergeben werden. Das Komitee wird offenbar recht willkürlich nach Standesdünkel und zweifelhaften Kriterien ausgewählt und es ist klar, dass hier eine Einigung nicht einfach wird. Aber auch die Schriftsteller warten auf die Veröffentlichung der Long- und Später Short-List und bereiten sich schon auf ihre Siegesreden vor. Katherine Burns, brillante Schreiberin mit Herz für allerlei Männer, ist sich fast sicher, dass man an ihr nicht vorbeikommt – doch ihr Verleger vermasselt die Teilnahme und schickt das falsche Manuskript. Dies wiederum gehört einer Inderin, die lediglich ein Kochbuch schreiben wollte. Deren Neffe hofft seinerseits auf den Sieg und schmiedet Mordpläne, als er in der Short-List nicht berücksichtigt wird.


Ein satirischer Blick auf die Vergabe von Literaturpreisen. Die Hybris der Autorenschaft, die sich weder um Publikum schert noch einen Bezug zur Realität hat, die Juroren, deren Kriterien nicht nur absurde Züge tragen, sondern die sogar glaubwürdig nach diesen Handeln und den Leser sich fragen lassen, ob da nicht doch ein Funken Wahrheit dran sein könnte. Viel Komik, herrlich absurd und das Ende kommt, wie es einfach kommen muss.

Harold Pinter - The Hothouse

Weihnachtsabend, ein Heim. Ob Psychiatrie oder etwas anderes bleibt unbestimmt. Roote, Leiter dieser ominösen Anstalt, erkundigt sich nach seinen Patienten, die alle statt mit ihren Namen mit Nummern charakterisiert werden. Doch die normalerweise streng bewahrte Ordnung gerät an diesem Abend durcheinander: Patient 6457 ist einfach gestorben und Patientin 6459 hat ein Kind bekommen – offenbar von einem Angestellten. Diese völlig unakzeptablen Umstände gilt es aufzuklären.


Ein frühes Bühnenstück von Pinter, das er erst viele Jahre später veröffentlichte. Es besticht – neben dem kuriosen Personal und dem bemerkenswerten Setting – in typisch Pinter’scher Weise durch eine Sprachgewalt und einen Wortwitz, der kaum übertroffen werden kann. Gestochene, auf den Punkt treffsichere Formulierungen belegen einmal mehr, dass er völlig zu Recht den Nobelpreis für Literatur erhalten hat. Inhaltlich wird einmal mehr die Absurdität psychiatrischer Anstalten, wie sie sich auch Mitte des 20. Jahrhunderts noch zeigte deutlich: zweifelhafte Methoden, neurotische Direktoren und sich andienende Emporkömmlinge. Jede Zeile ein Genuss.

Sonntag, 9. November 2014

Der Lovelybooks Leserpreis 2014 - Jetzt voten!

Jetzt abstimmen für den Lovelybooks Leserpreis 2014





Delphine de Vigan - Jours sans faim

Kälte, Leere und Einsamkeit – das ist das einzige, das die junge Laure noch spürt als man sie völlig abgemagert ins Krankenhaus einweist. Sie kann gar nicht erkennen, wir kritisch ihr Zustand ist. Mit jedem Gramm Gewichtszunahme kehren mehr Empfindungen zurück und es entsteht wieder Leben in ihr. Normale Lebensmittel sind ein Kampf, ihr Körper ist es gar nicht mehr gewohnt, sie zu verarbeiten. Nach und nach kann sie auch andere Menschen wieder wahrnehmen und lernt, wie ihre Umwelt sie gesehen hat. Die Freundinnen, die ihren Anblick kaum mehr ertragen konnten, weil sie den Tod vor sich sahen. Die fremden auf der Straße, die sich an Konzentrationslager erinnert fühlten. Doch ihr Gegner – den sie fast liebevoll Lorex nennt – wohnt gnadenlos weiter in ihr und je näher der Tag der Entlassung zurück in die Welt außerhalb des Krankenhauses rückt, desto stärker wird Lorex auch wieder.

Ein eindrucksvoller Einblick in diese Welt einer Anorexie-kranken jungen Frau. Laures Innenleben wird von Delphine de Vigan greifbar und spürbar geschildert. Das schrittweise Zurückkehren ins Leben, die Wahrnehmung des eigenen Körpers, Momente der Schwäche, der nicht enden wollende Kampf mit der Krankheit – all dies fasst sie in Worte, die den Leser immer wieder innehalten lassen. Auch die Schilderung der Familiensituation, die nicht unwesentlich für Laures Schicksal verantwortlich ist, wird aus Sicht des Mädchens mit all dem Schrecken geschildert, wie Kinder sie vermutlich erleben.


Fazit: eine eindrückliche Schilderung, die einem bewegt zurücklässt.

Samstag, 8. November 2014

Sofi Oksanen - Als die Tauben verschwanden

Estland, Zeit des zweiten Weltkrieges. Gefangen zwischen zwei Großmächten versucht sich die Bevölkerung ein Stückchen Normalität zu bewahren. Juudit und ihr Mann Edgar, dessen Cousin Roland und seine Frau Rosalie stehen im Zentrum der Erzählung. Nach dem Tod Rosalies, dessen Umstände rätselhaft bleiben, entfernen sich die drei zunehmend voneinander. Edgar merkt schnell, wie er sein Fähnchen nach dem Wind hängen kann und dient sich dem deutschen Besatzer an. Seine Frau Juudit verliebt sich derweil ungeplant in einen deutschen Offizier, was sie jedoch nicht davon abhält, Roland in seinem Untergrundkampf für ein befreites Estland zu unterstützen. Nach der Machtübernahme durch die Russen, muss Edgar sich taktisch neu ausrichten und wird nun zum eisernen Kommunisten, der dem KGB wichtige Informationen beschafft. Mehr und mehr nähert er sich auch dem, was seine Frau und sein ehemals bester Freund in dieser Zeit tun.

Der Zweite Weltkrieg wird hier aus einer für mich neuen Perspektive, der des besetzten Baltikums, geschildert. Gefangen zwischen zwei Großmächten, die beide eine Unabhängigkeit Estlands ablehnen und nur Profit aus dem Land ziehen wollen, muss die Gesellschaft sich mit den Gegebenheiten arrangieren. In welcher Weise dies geschehen kann, hat Sofi Oksanen überzeugend eingefangen. Auch wenn die Zeit- und Ortssprünge im Hörbuch nicht ganz einfach sind - hinzu kommen die Perspektivenwechsel jeweils hin zu den drei Protagonisten, auch wenn diese durch unterschiedliche Sprecher unterstützt werden – so entsteht doch ein interessantes Bild der damaligen Zeit. Die Figuren sind mit Brüchen komplex gezeichnet, werden vor schwierige Entscheidungen gestellt, für die es keine einfachen Lösungen gibt. Auch die Entwicklungen, die sie durchmachen, sind glaubwürdig und nachvollziehbar. Bisweilen spannend, manchmal auch mit einem Quäntchen Humor, wird hier eine facettenreiche, interessante Geschichte erzählt. Einziger Wermutstropfen: für mich ist die Episode am Ende über die nächste Generation zu viel. Zwar werden hierdurch auch Edgars und Rolands weiterer Lebensweg dargestellt, doch eigentlich war für mich ihre Geschichte mit dem Ende des Krieges erzählt.


Fazit: Sofi Oksanen konnte mich als unglaubliche Erzählerin aus fremder Perspektive vollends überzeugen.

Mittwoch, 5. November 2014

Miina Supinen - Drei ist keiner zu viel

Eine finnisch-griechische Mythologin und vermeintliche Satanistin. Ein sexbesessener britischer Archäologe auf Jobsuche. Eine chaotische finnische Atheistin, die mit einem autistischen Computerspielprogrammierer zusammenwohnt. Wobei, der Engländer ist eigentlich tot. Das sind die kuriosen Zutaten für Miina Supinens Roman. Gemeinsamer Dreh- und Angelpunkt ist eine Akademie in den finnischen Wäldern, in denen urzeitliche Grabungen unternommen und alte Kulte gepflegt werden sollen. Das Setting ist ebenso kurios wie die Figuren, dennoch entsteht eine nur allzu menschliche Dreiecksgeschichte, die sich um die essentiellen Fragen des Lebens dreht: wer liebt wen und wie viel? Wie wird das gezeigt? Was passiert nach dem Tod? Was ist dran an den alten Sagen?

So schwer der Inhalt zu fassen ist – ein kurzer Ausschnitt aus dem Leben der Figuren, nur wenige Wochen sowie zahlreiche episodenhafter Rückblicke – so schwer ist es da Buch insgesamt zu fassen. Besonders gelungen ist es, dem Leser kurze Einblicke in die finnischen Mythen und Sagenwelt zu geben. Das Kalevala, das finnische Nationalepos, dürfte gerade im deutschen Sprachraum weitgehend unbekannt sein und je mehr sich die Protagonistin Stella dieser naturverbundenen, mit zahlreichen Geistern gesegneten Welt annähert, desto mehr erfährt auch der Leser über diesen alten Blick auf unsere Welt. Hierzu passt, dass ein Teil des Romans von einem Verstorbenen erzählt wird – der gar nicht an Reinkarnation oder Geisterwesen glaubt. Auch wird der Wald als Schauplatz sehr anschaulich und intensiv beschrieben, so dass man gerne an diese Welt zwischen der unseren und dem Jenseits glauben mag.

Sehr dicht, in verspielter Weise, stellt die Autorin ihre Figuren vor grundlegende menschliche Bedürfnisse und Fragen. Sie liefert uns keine Antworten, aber die Herangehensweise, gespiegelt in diesen außergewöhnlichen und höchst individuellen Charakteren, erlaubt einen ungewöhnlichen Blick auf sie. Die wechselnden Perspektiven, Einschübe von Dritten und aufeinanderprallenden Ansichten mit humoristischen Einlagen und gelungenen Formulierungen lockern die Erzählweise auf, so dass die Geschichte trotz der Tiefe und Schwere leicht bleibt. Das Cover, welches surrealistisch anmutet, passt auch zu dem surrealistischen Inhalt: ein Zusammentreffen kuriosester Elemente, die ein neues Ganzes ergeben, das unerwartet und dennoch schön ist. 

Sonntag, 2. November 2014

Stefan B. Meyer - Desperados im Land des Lächelns

Wendezeit in Dresden. Alte Eliten werden abgelöst durch Westler, jeder rettet, was er noch retten kann und sorgt vor für das Leben im neuen Staat. Staatsanwalt Mars aus Süddeutschland sieht den Neubeginn im fernen Osten als Karrierechance, nicht ahnend, dass ihn dort gleich Mordfälle erwarten, die die höchsten politischen Ämter in Aufruhr versetzen. Er braucht Unterstützung, der im Vorruhestand befindliche Ermittler Wallner ist genau der richtige. Mit Spürsinn, dem richtigen Riecher und dem passenden Maß an Abgebrühtheit, suchen sie die Mörder von Herrn und Frau Paulus sowie einem desertierten Soldaten der Sowjetarmee.

Der Krimi als solches präsentiert einen politisch heiklen und authentisch wirkenden Fall. Die chaotische Übergangszeit nutzen sicherlich viele, um alte Akten verschwinden zu lassen, Leichen im Keller zu beseitigen und sich in eine günstige Position für den Neuanfang zu bringen. Daneben besticht der Roman jedoch durch eine glaubwürdige Darstellung der Zeit, die scharfsinnig mit auf den Punkt treffenden Formulierungen untermauert wird. Es macht enormen Spaß, die kleinen Seitenhiebe, mal ironisch, mal sarkastisch, aber immer treffsicher im Text zu finden und es fällt leicht, sich in die Zeit und die Situation der Ermittler zu begeben. Die Figuren haben alle ihre Ecken und Kanten, keiner ist durch und durch sympathisch und von Beginn an der „Held“. Doch ihre kleinen Makel – seien es  Staatsanwalt Mars‘ typische Vorbehalte gegenüber dem Osten oder Wallners Auffassung von Obrigkeitstreue und Rechtssinn – machen sie nicht nur liebenswert, sondern vor allem menschlich. Sie agieren nach bestem Wissen und Gewissen im Dienste der Gerechtigkeit und nichts anderes kann man sich wünschen.


Fazit: ein durch und durch gelungener Krimi vor einer interessanten Kulisse. 

Freitag, 31. Oktober 2014

Jo Nesbo - Der Sohn

Seit 12 Jahren sitzt er im Gefängnis. Seine Drogen bekommt er, weil er Morde auf sich nimmt, die er nicht begangen hat. Es ist ihm egal, denn das Leben hat ihn bitter enttäuscht, sein Vater hat ihn bitter enttäuscht. Doch dann erfährt er, dass alles gar nicht so war und beschließt seinen Vater zu rächen. Er nimmt einsam den Kampf mit der Osloer Unterwelt auf. Sonny Lofthus will die Wahrheit über seinen Vater erfahren. Simon Kefas, Polizist und ehemals bester Freund des Vaters, kommt ihm schnell auf die Spuren – aber wird er ihn aufhalten oder in seinem Kampf unterstützen?

Jo Nesbo hat einen Krimi über einen einsamen jungen Mann geschrieben, der schon mit dem leben abgeschlossen hatte. Der Protagonist ist unheimlich stark in seinem Handeln, nicht blind vor Wut, bedacht, er sucht nach Gerechtigkeit. In jeder Phase hat man eigentlich den Eindruck, dass dieser unheimliche Killer, der Gute ist, derjenige, der zu Recht Rache nimmt und man hofft, dass er seine Mission erfüllen kann. Die Grenzen von Gut und Böse verschwimmen hier und der Autor bringt den Leser in die missliche Lage, Mitleid mit einem Vielfachmörder zu empfinden und dessen Weg gutzuheißen.


Erzählerisch wie immer glaubwürdig, in sich logisch und absolut überzeugend. 

Donnerstag, 30. Oktober 2014

Wilkie Collins - The Haunted Hotel

Lord Montbarry löst ohne weitere Erklärung die Verlobung mit Agnes Lockwood um die Countess Narona zu ehelichen und mit ihr in einem Palast in Venedig zu ziehen. Begleitet werden sie von Ferrari, dem Boten. Dessen Frau erhält schon bald eine Nachricht mit einer größeren Geldsumme, ihr Mann scheint verschollen. Ebenso verstirbt Lord Montbarry plötzlich und seine Witwe macht sich mit ihrem vermeintlichen Bruder und dem Erbe auf nach Amerika. Der venezianische Palast wird derweil in ein Hotel umgebaut und wenige Monate später wird Agnes dort übernachten und ihr ein Geist erscheinen, der einige der Vorgänge erlklären wird.

Eine klassische Geistergeschichte des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Mit hysterischen Frauen, niederen Beweggründen, der besseren Gesellschaft, die durch Europa reist und ein wenig Grusel und Geistern. Nicht unbedingt Collins‘ Meisterwerk, aber im Genre sicherlich eins der gelungeneren Werke.


Mittwoch, 29. Oktober 2014

Lovelybooks Leserpreis 2014

Der größet Preis von Lesern im deutschsprachigen Raum geht in die 6. Runde. Jetzt Favoriten nominieren!


Anne Lise Marstrand-Jörgensen - Das indiskrete Leben der Alice Horn

1969 in Dänemark. Alice Horn lebt das typische Leben einer Frau ihrer Zeit. Die Ausbildung noch beendet wird sie heiraten und sich um Mann und Kinder kümmern. In einem hübschen neuen Häuschen, umgeben von vielen Familien, die ein identisches Leben leben. Die Einöde holt sie und ihren Mann Eric bald ein, mit sexuellen Freiheiten und besuchen im Swingerclub wollen sie wieder mehr zueinander finden, doch sie entfernen sich immer weiter und es endet wie es enden muss: Alice tritt aus dem Leben, das sie nie haben wollte. Sie lässt Eric völlig überfordert zurück, die Töchter Marie-Louise und Flora könnten unterschiedlicher kaum sein und stehen am Übergang zur Pubertät. Sie müssen sich denselben Fragen stellen, auf die ihre Mutter schon keine Antwort gefunden hat: wie selbstbestimmt können sie in der Gesellschaft Anfang der 70er Jahre leben? Wie viel echte Freiheit geht mit sexueller Freiheit einher? Mit einem Vater, der ihnen keine Hilfe ist und einem jüngeren Bruder, der ebenfalls abdriftet, rennen die beiden Mädchen in ihr Unglück.

Der deutsche Titel ist unglücklich gewählt und irreführend. Alice Horn tritt schon nach dem ersten Drittel des Buches ab und verblasst danach recht schnell. Zwar treten ihre Töchter, insbesondere die kleine Flora, in ihre Fußstapfen, aber das rechtfertigt den Titel nicht. noch dazu legt dieser etwas nahe, was nicht der Fall ist: Alice sucht nicht die Indiskretion und findet darin auch keine Erfüllung. Das Buch bleibt für mich schwer zu fassen, vor allem, weil der Fokus sich immer wieder verschob und Antworten offen blieben. Vieles bleibt am Rande – wie die Geschichte um Martin, man kann nur mutmaßen, was mit ihm los ist und welches Unglück passierte. Auch Marie-Louise lernt man nur als Außenstehende kennen, dabei wäre es interessant gewesen, wie sie im Kontrast zu Flora mit dem Verlust der Mutter umgeht. Die Einblicke in das Seelenleben, dass man zu Beginn von Alice erhält, wird in Flora fortgeführt, sie ist jedoch kein besonders leichter und auf Anhieb sympathischer Charakter, was es schwer macht, mit ihrer Zerrissenheit und Unsicherheit mitzufühlen. An ihr arbeitet die Autorin die Entwicklung zur sexuellen Freiheit der damaligen Zeit ab, die Verunsicherung, verschiedene gesellschaftliche Strömungen und die Konfrontation mit tradierten Werten, wobei es letztlich auch keine Antworten gibt.


Fazit: keine leichte Lektüre, viele Brüche und Unebenheiten, die einem immer wieder anhalten lassen.

Montag, 27. Oktober 2014

Tonder Defkjell - Deutscher des Jahres

50 Mal wurden Deutsche für eine besondere Tat von den Lesern geehrt. Jetzt soll er gewählt werden, der Deutsche des Jahres. Nach Berlin sind sie eingeladen, in ein Hotel und am Ende der Woche soll der Sieger gekürt werden. Auch Herr rein ist einer von ihnen, einfältig, engstirnig, simpel im Gemüt. Doch bald schon überschlagen sich die Ereignisse und ein Unglück jagt das nächste. Die Zahl der Titelanwärter sinkt drastisch. Steckt die Konkurrenzzeitung dahinter? Oder einer der Kandidaten. Herr rein hält tapfer durch – mit Pornos und Alkohol überlebt er den Irrsinn um ihn  rum.


Ein kurzer humoristischer Blick auf das Gemüt und den Charakter der Deutschen. Natürlich vorhersehbar und überzeichnet, jedoch mit Augenzwinkern und an mancher Stelle wirklich treffend. Besserwisserei, zu viel Bier, Stoffeligkeit, dazu Geiz und eine ganze Menge Ignoranz – durchaus Eigenschaften, die man so manchem Mitmenschen nachsagen kann. Die Idee gefällt mir sehr gut, dass alles etwas überzogen ist, finde ich auch durchaus passend. Allerdings bleiben mir die Figuren zu unbestimmt. Natürlich kann Herr Rein ohne Profil quasi jeder sein, mir wäre hier aber ein bisschen mehr an Figur lieber gewesen. Er ist mir einfach zu blass, um als wirklicher Mensch zu erscheinen. Auch die Gruppendynamik hätte noch ein wenig mehr Beachtung bekommen dürfen, ebenso wie das Medienecho nach all den Vorkommnissen, was nur am Rande abgehandelt wird. Sprachlich bleibt das Buch leider auch ein wenig flach, die Handlung hätte mehr als den Running Gag 60-40-20 hergegeben. 

Sonntag, 26. Oktober 2014

René Freund - Liebe unter Fischen

Alfred Firneis versinkt. In seiner Wohnung herrscht Chaos und ans Schreiben ist nicht zu denken. Seine Verlegerin braucht aber schnell einen Erfolg und nimmt sich des Burnouts ihres Geldesels an: sie schickt ihn auf eine Hütte in die Einsamkeit. Und tatsächlich: Alfred blüht plötzlich inmitten der Natur auf und findet wieder zu sich selbst. Fernab der Zivilisation taucht plötzlich Mara auf, die eine Doktorarbeit über Fische schreibt und mit den zarten Gefühlen für diese Frau kommt auch die lyrische Ader wieder zum Vorschein. Doch Mara ist nicht, wofür Alfred sie gehalten hat.


Ein humorvoller Roman über einen Menschen in Erschöpfung. Die Figuren liebevoll gezeichnet, ein vager Blick nur in ihre Gefühle und das Näherkommen. Kleine Fische als Spiegelung des menschlichen Verhaltens und die Abgeschiedenheit der Alpen, die einen neuen Blick auf das Sein gewährt. Eine überzeugende Mischung aus Amüsement und Ernsthaftigkeit, Erfolgsdruck und Selbstfindung. 

Don Winslow - Vergeltung

Dave Collins verabschiedet sich am Flughafen von seiner Familie, schon in wenigen Tagen wird er sie wiedersehen und gemeinsam Weihnachten feiern. Doch dazu kommt es nicht, denn der Flieger mit seiner Frau und seinem Sohn explodiert. Die Regierung möchte den Anschlag vertuschen und stellt es als Unfall dar, doch so leicht lässt sich der ehemalige Elitesoldat nicht abwimmeln. Er wird seine Familie rächen und sich den Auftraggeber Aziz selbst vornehmen. Dank alter Kontakte kann er ein Team von Elitekämpfern aus unterschiedlichen Ländern und mit der notwendigen Durchschlagskraft zusammenstellen. Er begibt sich in den Kampf und hat es bald nicht nur mit einem fanatischen Islamisten zu tun, sondern auch mit seiner eigenen Regierung, die ihn jagt, und Verrätern in den eigenen Reihen.


Ein Buch wie ein Film – zumindest scheint es die Vorlage für einen action- und explosionsreichen Hollywood-Blockbuster zu sein. Der Plot ist glaubwürdig, der Rachefeldzug sinnvoll motiviert und mit dem Hintergrund der Protagonisten auch nicht ganz aus der Luft gegriffen. Es nervig sind Massen von technischen Daten, die den in diesem Bereich nicht versierten Leser langweilen und nichts sagen. Die Handlung ist in weiten Teilen vorhersehbar, aber das ist bei einem derartigen Thriller nicht ungewöhnlich, dass der Held am Ende siegt und Niederlagen davor, nur keine Hindernisse auf dem Weg zum Sieg darstellen, ist erwartungsgemäß. Auch die schwarz-weiß Malerei in Gut und Böse von einem amerikanischen Autor jetzt nicht überraschend. Winslows Schreibstil jedoch wieder einmal überzeugend und mitreißen. 

Donnerstag, 23. Oktober 2014

Angelika Hager - Schneewittchen-Fieber

Angelika Hager schreibt auf Seite 49 des Buches: „Ich wollte dieses Buch schreiben, weil ich wütend bin.“ – Das merkt man.

Die Autorin holt aus zum Rundumschlag gegen Frauen, die sich in ein vorrevolutionäres Pseudo-Familienidyll flüchten und dabei vergessen, dass sie eigentlich über Intelligenz und ausreichend Bildung verfügen, sich nicht in die totale Abhängigkeit zu begeben. Frauen, die sich selbst reduzieren auf ihr Äußeres und in der Prinzessinnenrolle voll aufgehen. Frauen, die sich selbst zum Opfer machen und damit all jenen schaden, die wirklich Opfer von Diskriminierung und Gewalt werden. Und auch Männer, die Alterskomplexe ausleben oder vor Weinerlichkeit unerträglich sind.


Natürlich überspannt sie den Bogen und überzeichnet so manche Situation. Auch die Ausdrucksweise ist bisweilen drastisch, aber die Aussagen dahinter sind ernst. Eine Aufforderung an die Frauen von heute, sich nicht in Rollen oder vermeintliche Zwangsentscheidungen zwängen zu lassen – Mutter des Jahres oder Karriere-Furie – und die Unabhängigkeit und Freiheit, die in den Jahrzehnten zuvor gewonnen wurde, auch zu nutzen. Ein zwar unterhaltsamer aber ernst gemeinter Blick auf den Zustand der Frau 2014 – der sich auch für Männer empfiehlt. 

Paul Bokowski - Hauptsache nichts mit Menschen

Paul Bokowski schreibt über sein Leben in Berlin. Sein Verhältnis zu den Eltern. die alltäglichen Unwegsamkeiten eines Endzwanzigers. Mal lustig, mal fast erschreckend, oft satirisch und auch selbstironisch. Kurze Geschichten, Tagebucheinträge, Dialoge – variationsreich und unterhaltsam. Die Mutter, die sich plötzlich mit dem Internet auskennt und droht sein Privatleben zu entdecken, der tote Nachbar, der wenigstens kein Lärm mehr versursacht, die Weihnachtsparty bei IKEA zu der er sich schleicht, ein Überfall im Hausflur und immer wieder auch kommt der Hypochonder durch. Genau beobachtet er seine Mitmenschen und sich selbst und mit treffendem Sprachwitz verarbeitet er das Leben um ihn rum in seinen Episoden, die von wenigen Zeilen bis mehreren Seiten reichen.


Kurzgeschichten aus der Hauptstadt zum Amüsieren für Zwischendurch.


Dienstag, 21. Oktober 2014

J.F. Penn - Desecration

Ein grausamer Mord in einem Londoner Museum. Die junge Jenna, Tochter aus besserem Haus, die sich von den Eltern abgewandt hat, liegt nicht nur ermordet, sondern regelrecht zugerichtet aufgebahrt zwischen den Exponaten. Ermittlerin Jamie Brooke wird der Fall übertragen. Blake Daniel unterstützt sie mit seiner übernatürlichen Fähigkeit, sich in Dinge hinein zu fühlen und zu sehen, was mit diesen geschah. Bei der Arbeit die starke, abgehärtete Frau durchleidet Jamie jedoch den privaten Super-Gau: Polly, ihre einzige Tochter, die seit Jahren an einer unheilbaren Krankheit leidet, liegt im Sterben. Als ihre Leiche verschwindet verbinden sich plötzlich der grausame Mordfall und ihr Privatleben.

Die Protagonistin wird glaubwürdig und facettenreich geschildert. Vor allem ihr Kampf um das Leben der Tochter und wie sie damit umgeht – insbesondere in Verbindung mit ihrem Beruf und dem, was sie täglich erleben muss – ist intensiv gezeichnet. Eine außergewöhnliche Figur, die den Roman trägt. Die Motivlage und der Hintergrund der Tat erscheinen mir technisch etwas gewagt, aber grundsätzlich glaubwürdig.

Nicht gelungen ist jedoch der obligatorische Alleingang, der nur als grenzenlos doof bezeichnet werden kann und bei dem ich mich in jedem Krimi frage, ob Ermittler in der Realität wirklich so kopflos sich und andere gefährdend handeln würden. Auch die ebenso schablonenhafte Rettung in letzter Minute – vorhersehbar, da diese Art Krimi immer gut endet – kam etwas abrupt und unmotiviert.


Über weite Strecken spannend und unterhaltsam, jedoch mit großen Schwächen gegen Ende.

Angelika Klüssendorf - April

April – ein Name wie ein Monat. Der der Regen bringt und Sonne, täglich überrascht und geprägt ist von Unbeständigkeit und zu keiner der Jahreszeiten wirklich passt. So ist auch das fast erwachsene Mädchen, das in Leipzig zu DDR Zeiten seinen Platz in der Gesellschaft sucht und nicht findet. Nach einem Selbstmordversuch zwar den langweiligen Bürojob los, wird sie jedoch die nächsten Jahre mit dem Stempel „psychisch krank“ und verschiedenen Ärzten verbringen, aber das stört sie nicht. Wechselnde Männerbekanntschaften, die jedoch alle für sie oberflächlich bleiben, obwohl der eine oder andere sie aufrichtig liebt. Dann ein Sohn, Julius, doch auch ihn zu lieben fällt ihr schwer. Das erhoffte bessere Leben im Westen – auch dies war nur eine Illusion.


Der Roman ist schwer greifbar. Man verfolgt April in ihren Eskapaden – wenn man die Suche nach sich selbst und dem Sinn des Daseins so nennen kann. Verständnis für manches – ja, bei ihrer Familienkonstellation und dem gefangensein in der DDR nachvollziehbar. Dann vor allem im Bezug auf den Umgang mit ihrem Sohn schieres Unverständnis.  April passt in keine Schublade, wie auch der Roman. Das Mädchen wird älter aber nicht erwachsen. Die macht Erfahrungen, lernt aber nicht. Sie hat eine gewisse Cleverness und Kunstgespür, zeigt auch Zuneigung, kann aber weder mit dem einen noch mit dem anderen ein sinnvolles Leben gestalten.

Sonntag, 19. Oktober 2014

Martin Wehrle - Herr Müller, Sie sind doch nicht schwanger

Herr Müller – jung, dynamisch und auf der Karriereleiter schon ein Stück voran geklettert sieht sich mit der größten Herausforderung seines Lebens konfrontiert: er wacht eines Morgens als Frau auf. Kann ja so dramatisch nicht sein. Ist es aber doch, als ihm plötzlich aufgeht, mit welcher unterschwelligen und offenen Diskriminierung Frauen in der Berufswelt konfrontiert sind. Alte Männertaktiken funktionieren nicht mehr, also muss der den Kampf um seinen Platz auf andere Weise gewinnen. Leichter gesagt als getan.



Marton Wehrle hat einen urkomischen Roman geschrieben, der neben der amüsanten Geschichte um Herrn/Frau Müller zahlreiche Coaching-Tipps, Statistiken und nützliche Hinweise gibt, wie Frauen im Berufsleben sensibel für männliche Dominanz werden und wie sie dieser am besten begegnen können. Er tappt dabei nicht in die Falle Männer in ihrem Verhalten pauschal zu verurteilen und Frauen in den Himmel zu heben. Sachlich und fundiert wird analysiert und im Anschluss entsprechende  Konsequenzen für ein mögliches Verhalten gezogen. Mit mehr Wissen um die weniger offensichtlichen Karrierebeschleuniger und die eigenen nachteiligen Verhaltensweisen kann Frau vielleicht den nächsten Schritt wagen. Mit Männern, denn das geht auch klar hervor: nur in gemischten Teams werden die ganz großen Erfolge gefeiert. 
Blogverzeichnis - Bloggerei.de