Posts mit dem Label Roman werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Roman werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Montag, 31. Oktober 2016
Rabih Alammedine - Eine überflüssige Frau
Ein einziger Tag, ein ganzes Leben. Mit einem Unglück startet Aaliya in diesen Morgen: ihre Haare sind blau, viel blauer als sie sein sollten. Aber warum sich aufregen, mit 72 Jahren spielt das auch keine Rolle mehr. Noch dazu lebt sie allein in ihrer kleinen Beiruter Wohnung; zu den anderen Bewohnern des Hauses hatte sie nie viel Kontakt, man kennt sich, weiß das Nötigste und fertig. Lieber hat sich Aaliya mit Büchern umgeben, in der Buchhandlung, in der sie viele Jahrzehnte gearbeitet hat, oder zu Hause, wo sie in den letzten 50 Jahren jährlich ein Werk der Weltliteratur übersetzt hat. Das neue Jahr steht an, eine Entscheidung für ein neues Buch muss getroffen werden. Wie viel Zeit bleibt ihr noch, kann sie sich an einen dicken Wälzer wagen? Immer wieder wird diese Überlegung unterbrochen, durch ein Klopfen an ihrer Tür, durch eine Erinnerung an die Vergangenheit, an die Geschichte ihrer geliebten Heimat und an Hannah, ihre einzige Freundin. Die blauen Haare waren nur der Anfang, das Schicksal hat noch mehr große Erschütterungen für Aaliya an diesem Tag vorgesehen.
Rabih Alameddine entführt seine Leser einmal mehr in den von ihm so sehr geliebten Nahen Osten, in den Libanon, seine Heimat. Das Schicksal dieser Stadt, das ihn offenbar schwer getroffen und beeindruckt hat, findet sich auch in diesem Roman wieder. Aaliyas Leben ist eng verbunden mit den Geschehnissen der Metropole zwischen Mittelmeer und Gebirge, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von zahlreichen Kriegen gezeichnet, immer wieder zerstört und wieder aufgebaut wurde und es schafft, unterschiedlichste Konfessionen und Lebensweisen zu beheimaten.
Das Leben Aaliyas verläuft nicht nach Plan, jung verheiratet wird sie doch nie zur echten Ehefrau und Mutter, als Geschiedene lehnt sie eine weitere Hochzeit ab und bleibt so allein, wenn auch nicht einsam, denn die Literatur begleitet sie. Für jede Lebenslage findet sie Trost bei einem Dichter, alles lässt sich erklären, denn es wurde bereits niedergeschrieben; auch die Philosophen und Maler, ebenso die klassischen Musiker haben es ihr angetan und ihr ferne Länder eröffnet. Aaliya macht einen zufriedenen Eindruck und scheint mit sich und der Welt im Reinen zu sein, nach all den Jahren, in denen sie auf sich allein gestellt war und auch schon einmal mit der Kalaschnikow im Bett schlafen musste. Und dennoch tut sich ein Riss auf. Dies wird an einer Stelle besonders offenkundig:
Henri Matisse hat einst gesagt: „Es hat mich mein ganzes Leben lang beschäftigt, dass ich nicht male wie jeder andere.“ Ich liebe dieses Zitat, liebe die Tatsache, dass der strahlendste Maler des 20. Jahrhunderts so gedacht hat.
Nein, sie ist keine typische Frau ihrer Zeit. Sie ist eigensinnig und durchsetzungsstark, beweist Rückgrat und Bildung. Als Autodidaktin wurde sie zur Übersetzerin, eine Arbeit für ein nicht vorhandenes Publikum. Aber sie sagt selbst, dass nicht das Ergebnis zählt, sondern der Weg dahin. Vielleicht ist das das Geheimnis ihres Lebens: nicht was sie am Ende erreicht hat, sondern die Zufriedenheit und Freude auf dem Weg dahin ist das, was wirklich zählt.
Rabih Alameddine zeichnet eine Figur, die nicht auffällt und doch heraussticht. Eine starke Frauengestalt, die sich in einer patriarchalischen Gesellschaft ihren Weg bahnt und eigene Maßstäbe zu setzen weiß. Dabei wirkt sich ein wenig schrullig, aber immer liebenswert. Und wer große Literatur liebt, muss unweigerlich auch Aaliya lieben.
Samstag, 22. Oktober 2016
Meg Haston - Alles so leicht
Stevie weiß nicht, wo sie sich befindet. In einem Auto, mit
einer unbekannten Frau. Doch wo bringt diese sie hin? Und was ist geschehen?
Egal, nur noch wenige Wochen, dann ist der große Tag und ihr Ziel ist erreicht.
Doch so einfach wird es nicht werden zu verschwinden, schon gar nicht, wenn man
sich tothungern möchte. Denn die Unbekannte liefert sie gerade in eine
Fachklinik für essgestörte Mädchen ein. Die Regeln sind streng und die anderen alle
doof. Stevie wird ihrer Psychologin zeigen, wie stark sie ist und dass bei ihr
die Therapie nicht anschlagen wird, denn das ist sie ihrem Bruder schuldig, dem
Bruder, der nicht mehr da ist. Wegen ihr. Genau wie ihre Mutter.
Meg Haston hat mit „Alles so leicht“ ein durchaus relevantes
Thema aufgegriffen und ihm ein Gesicht gegeben. Essstörungen sind nach wie vor
insbesondere bei jungen Mädchen ein wichtiges und auch erschreckendes Thema.
Wie sie schön anhand Stevie und der anderen Mädchen aufzeigt, können die
Ursachen vielfältig sein und doch zu derselben Krankheit führen. Insbesondere
das verquere Weltbild ist eine große Hürde, um Heilung oder zumindest Besserung
zu verlangen. Dies sieht man in dem Roman, wenn der Vergleich nie zu den
Gesunden erfolgt, sondern immer nur zu den noch dünneren Mädchen, wenn die
Diagnose Bulimie eine Katastrophe darstellt, denn noch die Anorektischen gelten
als willensstark und diszipliniert, was man gerne sein möchte. Der Kampf um
jede Kalorie, der Kampf mit sich, seinem Körper und den Menschen, die einem
eigentlich helfen wollen – all das gelingt der Autorin glaubwürdig
darzustellen.
Die größte Stärke des Romans ist für mich die Figurenzeichnung.
Nach und nach wird die Vergangenheit Stevies aufgerollt und unterschiedliche
Aspekte als Auslöser und Verstärker der Anorexie/Bulimie hervorgebracht. Die
Arbeit der Psychologen kann ich schwer einschätzen, möglicherweise sind die
Arbeitsweisen in diesen Fachkliniken auch anders als außerhalb, bisweilen
erschien mir der Kontakt zu nach, zu persönlich und zu wenig professionell.
Auch die Tatsache, dass nur wenige Tage im Prinzip ausreichen, um zu einem
Therapieerfolg zu führen, bei einer Jugendlichen, die seit über einem Jahr darunter
leidet, erscheint mir nicht ganz überzeugend und realistisch.
Alles in allem jedoch ein lesenswertes Jugendbuch, das die
Thematik Essstörungen gut umsetzt und zum Nachdenken anregen kann.
Freitag, 21. Oktober 2016
Wystke Versteeg - Boy
Boy ist tot, ihr Sohn, für den sie so lange gekämpft haben.
Nachdem es mit der Schwangerschaft nicht geklappt hat, haben sie eine Adoption
gewagt. In einer Villa wird er groß, bekommt alles, was er sich wünscht, aber
er kommt nie wirklich in Deutschland an. Und dann ist er verschwunden – tot.
Für die Eltern bricht eine Welt zusammen, doch die Mutter kann die einfache
Erklärung Suizid nicht glauben. Sie begibt sich auf Spurensuche und lernt einen
ganz anderen Jungen kennen als den, den sie für ihren Sohn hielt.
Das Buch ist kein Krimi, auch wenn sie spannende Frage im
Raum steht, was vor dem Unglückstag passiert ist, wenn erst nach und nach das
andere Leben Boys offenbart wird. Es ist vor allen Dingen das Dokument einer
Frau, die große Schwierigkeiten hat, mit Gefühlen umzugehen, diese erst einmal
zuzulassen, Nähe zu leben und Vertrauen zu anderen Menschen zu haben – und das,
wo sie als Psychiaterin arbeitet. Interessant fand ich insbesondere die
Diskrepanz zwischen den geschilderten fehlenden Emotionen, sowohl gegenüber dem
Ehemann wie auch dem Kind, die Schwierigkeit eine klassisch-liebende Mutter zu
sein, die sich für alles interessiert, was im Leben des Kindes passiert, und
dann dem Schmerz, den sie empfindet, als Boy nicht mehr da ist. Auch die zweite
Frau, vermeintlich verantwortlich für den Tod, wird mit vielen schwierigen Emotionslagen
präsentiert, die ihr das Leben in Gemeinschaft und den Umgang mit anderen
Menschen schwermachen. Erst in der Ferne und Einsamkeit können sie das
zulassen, was sie in der Heimat nicht erleben konnten.
2013 wurde Wytske Versteeg in ihrer niederländischen Heimat
mit dem BNG Nieuwe Literatuurprijs für diesen Roman ausgezeichnet, eine Anerkennung
vielversprechender Jungautoren. Im Zuge der Frankfurter Buchmesse 2016, bei der
die Niederlande und Flandern Ehrengast sind, wurde auch dieser Roman in
Deutschland bekannt. Kein leichtes Werk, das einem bisweilen an die Substanz
geht, aber dadurch enorm ausdrucksstark.
Dienstag, 18. Oktober 2016
Nathan Hill - Geister
Ein Griff nach Kieselsteinen, ein Wurf, ein Skandal. Eine
scheinbar unbescholtene Frau attackiert einen Präsidentschaftsbewerber und die
Medien reiben sich die Hände: ein Skandal, den man ausschlachten kann. An dem
Literaturprofessor Samuel geht das völlig vorbei. Frustriert von seinem Dasein verbringt
er die meiste Zeit mit Online-Spielen. Dass ihm eine Studentin ernsthaft droht
und seine bescheidene Karriere zerstören will, passt da nur ins Bild. Erst als
er realisiert, dass die Steinewerferin seine Mutter ist und diese offenbar 1968
eine entscheidende Rolle in den Chicagoer Studentenprotesten gespielt hat, wird
Samuel in die Realität zurückkatapultiert. Wer ist diese Frau, die ihn geboren,
aber schon in jungen Jahren verlassen hat und welche Geister der Vergangenheit
hat sie mit ihrer Attacke heraufbeschworen?
Nathan Hills Erstlingswerk ist mächtig. Die rund 850 Seiten
lassen einem erst einmal zucken, doch dann fliegen die Seiten nur so dahin.
Sowohl Samuels Geschichte in der Gegenwart, sein wenig zufriedenstellendes
Dasein, sein Ärger mit den Studenten - leider kommt gegen Ende die Geschichte
um Laura viel zu kurz, ein wirklich unterhaltsamer Charakter, der mir mehr als
einmal ein Grinsen ins Gesicht zaubern konnte - und seine Spielsucht sind
authentisch geschildert und sicherlich weit weniger individuell als man
zunächst glauben mag. Seine Kindheitsschilderungen, geprägt durch die Brille
des Kindes, das nicht alles versteht, nur Teile sieht und die Zusammenhänge
erst spät nachvollziehen kann, konnten überzeugen. Am stärksten jedoch ganz
sicher ist der Handlungsstrang um Faye und die Studenten 1968. Wie aus dem
braven und strebsamen Mädchen eine vermeintliche Prostituierte und Rebellin
werden konnte, wird glaubwürdig nachvollziehbar beschrieben. Als weiterer
Aspekt wird die Vergangenheit von Samuels Großvater und seine undurchsichtige
Flucht aus Norwegen eingeflochten, auch hier spannende Wendungen und
Geheimnisse, die nach und nach gelüftet werden.
Ein insgesamt vielseitiges Buch, dass parallel mehrere
Handlungen gekonnt miteinander verwebt, ohne den roten Faden zu verlieren. Sich
auf dieser Länge nicht zu verheddern, ist eine Kunst, die Nathan Hill wirklich
beherrscht. Auch die verschiedenen Motive der Figuren greifen am Ende
glaubwürdig ineinander, es bleiben keine Fragen offen, so dass man eine runde
Geschichte hat, die sich über mehrere Generationen zieht. Auch schafft es Hill
sein Tempo an die Handlung anzupassen, die Aufstände werden mit kurzen Kapiteln
und schnell wechselnden Perspektiven geschildert, die Rückblicke in die
Kindheit verlaufen langsamer und intensiver. Handlung und Ton finden so stimmig
zueinander.
Ein toller, vielseitiger Roman, der von der ersten bis zur
letzten Seite überzeugt.
Herzlichen Dank an den Piper Verlag für das
Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zum Buch finden sich auf der Seite desVerlags.
Anne Tyler - Die störrische Braut
Im Haushalt der Battistas läuft vieles anders als in anderen
Häusern. Dr. Battista hat wenig Sinn für überflüssige Dinge wie Essen, die
Spülmaschine wird aus und wieder eingeräumt, warum den Umweg über den
Küchenschrank nehmen? Die Töchter muss er alleine erziehen, wobei das eher in
der Hand der Natur liegt, lieber verkriecht er sich in sein Labor. Entsprechend
fristet Kate mit 29 ein jungfernhaftes Leben mit einem Job im Kindergarten, den
sie hasst, der aber nach Abbruch des Studiums die einzige Alternative war.
Bunny ist mit ihren 15 Jahren das genaue Gegenteil. Das eingespielte Trio lebt
nach festen Routinen bis diese einen herben Schlag erhalten: Dr. Battistas
Assistent droht ausgewiesen und somit die letzten Jahre Forschung zunichte
gemacht zu werden. Da wäre es dich passend, wenn Pjotr einfach Kate heiraten
könnte. Völlig überraschend für den Vater ist die zukünftige Braut ist wenig
angetan von der Idee, den schrägen Polen zu ehelichen.
Anne Tylers Roman ist eine Hommage an William Shakespeares
" Der Widerspenstigen Zähmung" und im Ehrenjahr des großen Dichters
erschienen. Der Autorin gelingt es den leichten Ton der Komödie auch in ihrem
Buch aufzugreifen. Mit viel Situationskomik und schrulligen Charakteren ist das
Lesen ein wahres Vergnügen. Der durchaus etwas stereotypisch geratene Forscher,
dem der Alltag zuwider ist, die störrische junge Frau, die mit ihrer direkten
Art aneckt, aber durch ihre intelligenten Anmerkungen viel Spaß macht, das
etwas dumpfe junge Mädchen und zuletzt der sprachlich eingeschränkte
Einwanderer - in der Tat ein Kuriosenkabinett. Das alles in einem Plot ohne
große Schnörkel, aber mit kleinen Verwicklungen, die für reichlich Turbulenzen
sorgen und so ein herrlich unterhaltsames Lustspiel ergeben.
Was ist von den Remakes von Shakespeares Stücken zu halten?
Der große Dichter hat ja nun selbst seine Plots übernommen, Generationen und
Jahrhunderte überdauernde Motive gewählt, die gerade deshalb auch heute noch
populär sind. Ein bekanntes Sujet zu transformieren und zu adaptieren ist keine
leichte Sache, wenn es originell und überzeugend werden soll. Anne Tyler ist
das gelungen. Sie kann unterhalten, das Setting passt in die heutige Zeit, ist
in sich stimmig und transportiert meines Erachtens den Geist Shakespeares auf
wunderbare Weise: das Volk kam ins Theater, um unterhalten zu werden. Anne
Tyler bietet ein Buch an und der Leser wird unterhalten.
Herzlichen Dank an das Bloggerportal für das
Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zum Titel finden sich auf der Seiteder Verlagsgruppe RandomHouse.
Lucy Foley - The Invitation
Early
1950s, Hal Jacobs has fled England to find his future as a writer in Rome. When
a friend cannot make it to a party of a highly-regarded Contessa, Hal takes the
invitation and goes there instead. At the door, he is rejected, but the host
finds him interesting and ask him to enter. The same evening, he meets a woman
whom he will never forget, but she is gone as suddenly as she appeared. Only
two years later, when Hal has accepted a job with the Contessa, he will meet
her again. To promote a film project, the actors as well as other staff will
sail the French-Italian coast and stop over from time to time. Hal is asked to
accompany them and to write about the trip. When he meets Stella, he is struck,
but the presence of her husband makes it difficult for him to approach her.
Yet, their former meeting is not the only secret on board.
Lucy Foley
sends us back into the post-war era of Italy. The gap between the rich and the
poor is visible everywhere, as are the scars from the war-time. Everybody has made
their traumatising experiences and wants to bury them. However, some things are
not as easy to forget as others. It is this specific ghost that the author
awakes in the characters and manages to portray in a convincing way. The
atmosphere of this time and place can well be felt throughout the novel. The
setting is one of the strongest points for me. The characters are also
interestingly drawn, especially Stella with her slowly unfolding past can lead
through the novel. But also the male characters, especially when Stella's husband
realises Hal's interest in his wife become more and more interesting.
All in all,
a journey back into the past which profits from the author's capacity of
creating a stunning setting for an unusual love story.
Rabih Alameddine - The Angel of History
Satan has
to have a word with Death, somethings wrong with Jacob and for quite some time
they got along quite well. But now, Jacob, a poet by devotion, is looking for
help in a psychiatric clinic. It is not the first time Jacob is there, but this
time, things seem to be serious. While waiting for the doctor, he thinks back
to the time when he was a child, first fleeing Yemen with his mother, then
finding shelter in a whorehouse in Egypt. Years later his father puts him into
a church school in Lebanon. But also newer memories arise, his lovers whom died
one after the other, his cat who picked Jacob and his roommate albeit they
never wanted to care for a pet. Like this, the evening advances slowly.
Admittedly,
I had serious problems finding into the novel. The most problematic was that I
could not perceive the different parts as belonging to the same book. The
discussion between Satan and Death is quite absurd and funny, here Alameddine
can really entertain the reader. Much more interesting but also depressing are
Jacob's memories of his childhood, especially his time in Cairo which, due to
the conditions, could have left deep scars and negative feelings but are
remembered as a time of being loved and feeling secure. This all is at times
interrupted by the poet's work of art which somehow does not relate at all to
the rest and then the actual situation in the waiting room with his roommate
sending texts to find out what is wrong.
Rabih
Alameddine has a poetic style of writing and to my perception, whenever we move
with the plot to the Middle East, no matter which country, his is strongest in
his expression and narration. Nevertheless, there was no real development in
the character, action I did not expect from the description, but such as it is,
I could not really make sense out of the story.
Samstag, 8. Oktober 2016
Feridun Zaimoglu - Isabel
Isabel hat genug. Es muss Ende sein und deshalb packt sie
ihre Sachen und verlässt ihren Freund. Sie streift umher in Berlin, begegnet
Menschen, vorrangig am unteren Ende der Nahrungskette. Verdient Geld mit zwielichtigen
Aufträgen, kommt weder vorwärts noch zurück. Ihre Eltern wollen den Weg in die
Bürgerlichkeit für sie ebnen, aber die präsentierten Heiratskandidaten können
nicht überzeugen. Doch dann kommt Markus. Zurück aus dem Kosovo, aus dem Krieg,
der ihn auch immer wieder in Berlin einholt. Auch er sucht nach einem anderen
Leben, denn das alte ist es nicht wert, weitergelebt zu werden.
Ich habe nie wirklich Zugang zu Feridun Zaimoglus Roman
bekommen. Zu fremd blieben mir die Figuren, vor allem Isabels launenhaftes Hin
und Her, das nicht wirklich erkennen ließ, dass sie irgendeinen Plan hat, hat
mich eher genervt als Verständnis für sie zu wecken. Auch die entstehende Liebe
zwischen ihr und dem Soldaten – der auch meist nicht mit seinem Namen, sondern
seiner ehemaligen Funktion genannt wird, was ich sehr verstörend fand – hat sich
mir nicht erschlossen. Sind sie eine Zweckgemeinschaft, ein sich gegenseitig
bemitleidend und haltendes Notbündnis? Natürlich gehören in dieses Setting die
Menschen, mit denen man nicht unbedingt täglich Umgang haben möchte, sprechen
diese eine Sprache, die man abstoßend und vulgär finden kann – das hat der
Autor auch glaubwürdig und authentisch eingefangen, aber was bleibt über die
Atmosphäre hinaus? Für mich gibt es keine wirkliche Erkenntnis nach dem Lesen, denn
auch Sozialkritik kann ich nicht entdecken. 2014 war das Buch für den deutschen
Buchpreis nominiert. Nimmt man einen ähnlichen Kandidaten aus 2016, Philipp
Winklers „Hool“, der ebenfalls in einem schwer zugänglichen Milieu angesiedelt
ist, so kann dieser jedoch mit viel differenzierterer Betrachtung und klarer
Message punkten. Was auch immer Zaimoglu sagen wollte, mir hat er nichts sagen
können.
Richard Flanagan - Die unbekannte Terroristin
Gina Davis, genannt Puppe, hat Träume, mit dem Geld, das sie
sich als Tänzerin in einer Nachtbar verdient, will sie irgendwann ein neues
Leben anfangen. Bald schon wird sie genug zusammen haben, um eine eigene
Wohnung anzuzahlen. Als Puppe nach den Mardi Gras Feiern mit einem Mann eine Nacht
verbringt, ahnt sie schon, dass dies vielleicht ihrem Leben eine neue Wendung
gibt, immerhin haben sie Nummern ausgetauscht. Und tatsächlich wird ihr Leben
nicht mehr so sein wie zuvor: der Unbekannte war ein vermeintlicher Terrorist
und sie die letzte, die mit ihm gesehen wurde. Auf pixeligen Bildern einer
Überwachungskamera ist zu sehen, was die Polizei und die Medien sehen wollen:
ein Terroristenpaar, das Australien in Angst und Schrecken versetzen will. Die
Terrorfahndung läuft und Puppe versucht davonzulaufen.
Richard Flanagan bringt die vermutlich schlimmsten Ängste
der „einfachen“ Bevölkerung auf den Punkt: einerseits der Terrorist, der wie
ein guter Bürger unbekannt und unbehelligt neben einem wohnt und seine perfiden
Pläne schmieden kann; andererseits das Opfer einer unheimlichen Verschwörung zu
werden und keinen Ausweg mehr zu finden. Das Setting seines Romans bietet genau
dies: auf der Polizei, Geheimdiensten und Politikern lastet ein enormer Druck, dem
Volk Schuldige zu präsentieren, zu zeigen, dass man die Lage im Griff hat und schnellstmöglich
Verbrecher ausschalten kann. Dass dieser Druck bisweilen zu voreiligen oder gar
falschen Ergebnissen führt, ist offenkundig. Auf der anderen Seite steht die
Protagonistin, die ihre Lage lange Zeit gar nicht erfassen kann und dann wie
ein verschüchtertes Tier getrieben wird von den Medien und den Ordnungsorganen
bis sie sich selbst zu einer reinen Verzweiflungstat genötigt sieht. Innerhalb weniger
Tage wird aus einer Zeugin eine schwarze Witwe, die meistgesuchte Täterin
Australiens, eine Frau, deren Leben in die Öffentlichkeit gezerrt wird. Wie
sich aus einer einzigen Information ein ganzes, verzerrtes Bild entwickeln kann
und wie sich diese Dynamik nicht mehr aufhalten lässt, zeigt Flanagan auf
beeindruckende Art und Weise.
Der Roman kann vor allem überzeugen durch die gelungene
Kombination einer spannenden, fast krimihaften Story, die mit recht hohem Tempo
voranschreitet und von einer glaubwürdigen, facettenreichen Protagonistin
getragen wird. Zum anderen von Flanagans kritischen Darstellung des Lebens in
einer verängstigten Gesellschaft. Die Menschen sind bereit zu glauben, was die
Medien ihnen vorsetzen. Die Medien stehen unter dem permanenten Druck neue und
vor allem sensationelle Nachrichten zu produzieren, um ihre Stelle am Markt zu
behaupten. Die Politiker müssen liefern, Stärke zeigen und können lange
Ermittlungen nicht dulden. Ein Teufelskreis indem alle sich gegenseitig
antreiben und dabei völlig den Blick für die Realität verlieren, nicht mehr hinterfragen
und bereit sind, die absurdesten Szenarien für möglich zu halten. Wer hier
zwischen die Räder der Maschinerie gerät, kann nicht mehr heile rauskommen.
„Die unbekannte Terroristin“ – ein literarischer Beitrag zu
aktuellen Entwicklungen, der uns vor Augen führt, dass wir gelegentlich
innehalten und fragen sollten, ob wirklich alles so ist, wie es scheint und wer
gerade bestimmt, was wir sehen und glauben sollen.
Herzlichen Dank an den Piper Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zum Titel finden sich auf der Seite des Verlags.
Herzlichen Dank an den Piper Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zum Titel finden sich auf der Seite des Verlags.
Dienstag, 4. Oktober 2016
Bregje Hofstede - Der Himmel über Paris
Schon als er sie zum ersten Mal bei einem Freund Paul sieht,
ist es um Olivier geschehen. Diese Ähnlichkeit, nicht zu fassen. Kann Sofie,
genannt Fie, die Tochter von Mathilde, seiner Freundin aus jungen Jahren, sein?
Als Paul ihn bittet, die junge Studentin, die gerade ein Auslandssemester in
Paris verbringt, zu unterstützen, kann er dies schlecht verweigern. Was als
Hilfe im Studium der Kunstgeschichte beginnt, entwickelt sich nach und nach zu
einer schwer definierbaren Beziehung, die aber immer für beide den Hauch des
nicht Erlaubten hat, schließlich ist er ihr Professor, deutlich älter und sie
eine junge attraktive Studentin. Als Fie in Not ist, sucht sie Hilfe bei ihm,
doch was sie damit auslöst, ist nicht abzusehen.
Ein Roman, der so wundervoll beginnt und dann doch leider in
vorhersehbare Banalität abdriftet. Die ersten Begegnungen von Fie und Olivier
sind geprägt von großer Unsicherheit, die die Autorin wirklich gelungen in
Worte zu fassen schafft. Oliviers plötzlich hochkommende Erinnerungen an die
Zeit mit Mathilde, die Schuldgefühle wegen des Kindes, das sie nie bekommen
haben, die Zuneigung und Liebe, die er plötzlich wieder spüren kann wie damals.
Gleichzeitig Fies Einsamkeit in der Fremde, die Leere und Unsicherheit, die
Unmöglichkeit, mit diesen Menschen, die alle gerade die beste Zeit ihres Lebens
zu haben scheinen, in Verbindung zu treten. Man kann sich als Leser vor dem
Emotionsstrudel der beiden Protagonisten kaum retten. Man spürt, dass sich die
Lage verändern, zuspitzen wird. Doch dann verläuft sich der Roman leider in wenig
überraschenden Bahnen, die so abgedroschen sind, dass man sie gar nicht
wiederholen mag. Leider kann die Autorin keine Überraschungen bieten, sondern
bewegt sich auf ausgetreten Pfaden und der Zauber, der zuvor herrscht, löst
sich in Luft auf.
Fazit: über weite Strecken lesenswert, berührend, die leicht
melancholische Stimmung hervorrufend, die man nur in Paris erleben kann und die
dann leider in einem raschen, einfallslosen Ende mündet.
Rafael Chirbes - Paris-Austerlitz
Eine Flucht vor der Familie, dem konservativen Leben in Madrid.
Ein junger Maler ist auf der Suche nach der Realisierung seiner Träume. Ziel
ist die Stadt der Liebe, Paris, wo er zunächst ohne Arbeit und ohne Wohnung bei
dem älteren Michel unterkommt. Die beiden Männer verlieben sich und teilen
Wohnung, Bett, Leben. Doch es bleibt immer eine Lücke, nie sind sie völlig
vereint. Die Klassenunterschiede, das Alter, aber auch Michels Erwartungen an
eine bedingungslose, aufopferungsvolle Liebe halten sie davon ab, völlig
ineinander aufzugehen. Ein feiner Riss, der größer wird, je mehr sich der junge
Maler emanzipiert und auf eigenen Beinen steht. Doch die endgültige Trennung
kann nicht durch getrennte Wohnungen geschehen, nicht durch neue Partner, nicht
durch Verleugnung. Erst der Tod kann sie endgültig entzweien.
Ein Roman wie ein Abschiedsbrief. Ein Brief, geschrieben aus
voller Emotion und innerer Erregtheit heraus. Dies zeigt sich vor allem in der
Struktur; nicht zielgerichtet chronologisch lässt Chirbes seinen Erzähler
berichten, sondern sprunghaft, in konzentrischen Kreisen, die Michel im
Mittelpunkt haben, sich mal näher um ihn drehen, mal weiter entfernt sind. Der
regelrechte stream of consciousness lässt die aufgewühlte Stimmung, in der der Erzähler
sich befindet, besonders stark hervortreten. Zunächst die unmittelbaren,
zeitnahen Erinnerungen an den Geliebten, dann der Rückblick auf das
Kennenlernen und wieder eine Annäherung an die Gegenwart. Teils die Beziehung analysierend,
teils fast egoistisch emotionsgeladen wird auf die gemeinsame Zeit geblickt.
Man kann sich kaum vorstellen, dass dies bloße Imagination des Autors sein
soll, zu wirklich und real erscheinen die Gedanken.
Neben der Frage danach, wie weit Liebe gehen darf oder muss,
reißt Rafael Chirbes noch eine Reihe andere Themen an. Die Lossagung von den
Eltern, deren Erwartungen und die nie zu lösende Verpflichtung, die man als
Kind ihnen gegenüber empfindet. Gleichzeitig auch Homosexualität und die Frage,
wie diese aufgenommen wird. Verhindert der Erzähler das Treffen zwischen Michel
und seiner Mutter, weil er denkt, dass er die Erwartungen und Hoffnungen nicht
erfüllt und die Enttäuschung nicht noch verstärken möchte, indem er den Partner
real werden lässt? Oder schämt er sich wegen der Klassenzugehörigkeit, weil
Michel nicht seinem Stand entspricht? Darf Liebe durch so etwas in Frage
gestellt werden oder gar scheitern? Michels Erkrankung wird nicht namentlich
genannt, es gibt gewisse Hinweise, die auf AIDS hindeuten, auch die Sorge, sich
infiziert zu haben, treibt den Erzähler um. Durchaus ein Thema, was
insbesondere unter Homosexuellen präsent ist.
Rafael Chirbes greift auch auf bekannte Sujets zurück. Die
Großstadt, insbesondere Paris als Ziel der Träume, aufgeladen mit hohen
Erwartungen an das berufliche und private Glück. Die Gare d’Austerlitz als Ankunftspunkt
der Züge aus dem Süden Frankreichs, die erste Begegnung mit der Hauptstadt. Das
Wandern durch die Bars, die kurzen, flüchtigen Begegnungen dort ebenso wie die
Stammgäste, die sich allabendlich treffen. Auch das ist Chirbes‘ Roman und das
Pariser Leben, das gegenüber den Neuankömmlingen schonungslos sein kann und
seine Bewohner bisweilen hartherzig und grausam behandelt. In dieser Weise
zeichnet auch der Roman kein liebestrunkenes Bild in rosarot, sondern ein
buntes Kaleidoskop der menschlichen Emotionen.
Ein herzlicher Dank geht an den Verlag Kunst für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zum Titel finden sich auf der Verlagsseite.
Ein herzlicher Dank geht an den Verlag Kunst für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zum Titel finden sich auf der Verlagsseite.
Montag, 3. Oktober 2016
Peter Terrin - Monte Carlo
Jack Preston hat es geschafft. Vom kleinen Mechaniker bis
zum Teil des Lotus Teams in der Formel 1. Nur noch Minuten sind es bis zum
Start in Monte Carlo 1968. Die Stimmung ist ausgelassen, nicht zuletzt wegen
Deedee, dem bewunderten Filmstar, die sich im Fürstentum zu diesem sportlichen
Ereignis die Ehre gibt. Doch ein tragisches Ereignis wird sich für immer ins
Bewusstsein der Zuschauer brennen: eine Stichflamme über dem Lotus. Jack kann
sich geistesgegenwärtig auf Deedee werfen, schwere Verbrennungen sind die Folge
für den Techniker, das Filmsternchen kommt ohne Verletzungen davon. Wieder im
heimatlichen England wartet Jack auf seine Anerkennung als Retter, doch Deedees
Bodyguard ist in aller Munde, er bleibt namenlos, unerkannt. Er glaubt an
göttliche Gerechtigkeit, ruft den Allmächtigen an. Als dies nicht hilft,
versucht er Kontakt aufzunehmen, ebenfalls ohne Erfolg. Doch es wird noch ein
Zeichen kommen, das für vermeintliche Gerechtigkeit sorgt, allerdings nicht so,
wie Jack sich das gedacht hat.
Peter Terrins Roman legt viele Deutungen nahe und hat trotz
der Kürze von weniger als 200 Seiten eine ungeahnte Tiefe. „Monte Carlo“ – Hauptstadt
des Fürstentums an der Côte d’Azur, seit jeher mit Glanz verbunden, mit Träumen
vom Prinzessin sein und Grace Kelly, die diesen Traum für sich verwirklichen
konnte. Aber in ihr ist auch schon die Spannung angelegt, denn ein jähes Ende
wartete auf sie, das auch im Roman, wenn auch auf andere Weise, wiederholt
wird. Die Realität lässt nun einmal Träume nicht zu. Die Formel 1, das
legendäre Rennen auf dem schmalen Parcours der städtischen Straßen. Sicherlich
eine der bekanntesten und legendärsten Rennstrecken, die unzählige Opfer
forderte und dadurch nur ihren Reiz erhöhen konnte. Auch bei Terrin fordert das
Rennen Opfer, auf und neben der Rennstrecke, im Rampenlicht und abseits im
Schatten. Das Jahr 1968, geprägt von großen Veränderungen, vom Aufbrechen alter
Ordnungen und zumindest dem Anschein neuer Möglichkeiten.
Große Erwartungen schickt der Autor dem Roman voraus und man
wird nicht enttäuscht. Zunächst fängt Terrin die Atmosphäre vor dem Rennen ein.
Der Fürstenhof mit den üblichen Ritualen, die Zuschauer zwischen gebanntem
Staunen und freudiger Erwartung, die Rennställe mit letzten Handgriffen. Man
taucht ein in diese sonderbare Mischung und jeder Moment kann auf seine Weise
faszinieren. Terrin schildert Details, vermeintlich unbedeutend und doch mit
erheblicher Tragweite, die der Mensch aber noch gar nicht erfassen kann. Danach
der Bruch, fernab der Blitzlichter der Weg zurück ins Leben. Die Erwartungen
eines einfachen Mannes, der sich immer korrekt verhalten hat und nun ebenso
erwartet behandelt zu werden. Das Ausbleiben des Dankes, die fehlende
Anerkennung, der langsam aufkommende Spott. Mehr und mehr versinkt Jack Preston
in seiner Enttäuschung, die bald zur Wut wird. Seine Welt gerät aus den Fugen,
die göttliche Ordnung von Gerechtigkeit ist aus den Fugen geraten und muss
korrigiert werden. Man kann diesen Prozess der größer werdenden Verzweiflung
förmlich greifen, lange noch ein banges Hoffen, das Ausmalen dessen, was in
seiner Vorstellung zwingend geschehen muss; dann die Verzagtheit darüber, dass
er von der Welt übergangen und vergessen wird. Das göttliche Korrektiv folgt,
doch bleibt auch hier die faire Anerkennung für seine Tat aus. Am Ende ein
kurzer Einwurf, die Option auf einen anderen Ausgang, den es jedoch nicht geben
wird, weil ein einziger Mensch sich anders entschieden hat, nicht wissend, was
dadurch hätte ausgelöst werden können. Der Schlag des Schmetterlings der den
Lauf der Dinge hätte verändern können – er bleibt aus.
Es sind nicht die großen Themen, die suggeriert werden,
sondern der Seelenzustand des kleinen Mannes, der diesen Roman trägt und ihm
die Tiefe verleiht. Zahlreiche Anspielungen lehnen den Roman an die Realität
an, er bleibt jedoch fiktiv und lässt uns so mit der Frage zurück, welchen
Einfluss wir auf das haben, was in unserem Leben geschieht und wo andere Kräfte
walten und wir nur tatenlose Zuschauer im eigenen Leben bleiben können.
Ein herzlicher Dank geht an den Berlin Verlag für das Rezensionsexemplar. Weitere Informationen zum Titel finden sich auf der Verlagsseite.
Ein herzlicher Dank geht an den Berlin Verlag für das Rezensionsexemplar. Weitere Informationen zum Titel finden sich auf der Verlagsseite.
Sonntag, 2. Oktober 2016
Jonathan Safran Foer - Here I am
How do you
define yourself when living a modern life in Washington D.C. and being a Jew?
Jacob and Julia do not really struggle with this question, too much does
everyday life demand of them. Their three sons Sam, Max and Benji are raised like
any other child, but some of the Jewish traditions have to be maintained, e.g.
Sam’s bar mitzvah and the schooling before the day of becoming a man. While caring
for the kids, Jacob and Julia somehow have lost the love they once had and now
have to face the end of their marriage. When an earthquake hit the Middle East
and Israel as well as the surrounding Muslim countries are struggling to
survive, Jacob has to ask himself if he actually leads the life he wants to
leave, if he has become the person he wanted to be and most of all, what his religion
means to him and how much, in times of greatest emergency, he is willing to
give.
“Here I am”
refers to Abraham’s response to God’s call to sacrifice his son. Jonathan
Safran Foer’s latest novel is deeply religious and spiritual – on the one hand.
On the other, we have an average family who struggles to remain what they are
and not to forget their individual needs because of every day’s demands. And
thirdly, it is highly political since it portrays typical reactions of Middle East
countries and raises the question of what is acceptable.
Quite some
topics all in one books. This sounds a bit too much and, actually, it is. At
some points, I had the impression the author has lost the track and roams
around not knowing where to go exactly. Then again, we have very acute
observations and descriptions, also the very appealing typical Jewish humour makes
you take a deep breath because you can hardly believe that anybody could really
dare to pronounce what has been said.
The
strongest aspects of the novel are for me definitely the account of what
happens in Israel and the area around after the earthquake. Frighteningly, I
believe that the countries in question would react exactly in the Way Jonathan
Safran Foer shows them. Ignorant, selfish, despicable, inhumane. The unwillingness
to seek enduring peace in the region, no matter who is to blame, is something
which must be criticised in all possible ways. Literature should be one of them.
The second interesting question is the one of identity of Jews not living in
Israel. How can they stick to the traditions, what happens to the old rites
when being a minority in a non-Jewish country, how strong are the bonds between
Jews and Israel – when though they have never lived there. And to what extent
are they also defined by what the Israel government does? The last is a
question every couple has to confront at a certain point in their relationship:
how can you save the initial state of
being in love over many years and how can you hinder it from vanishing slowly
and unnoticed?
A lot of
food for thought in this novel. At points, it is hilarious, at others poignant.
Jonathan Safran Foer can without the slightest hesitation be considered one of
the best American writers of first decades of the 21st century. A
bit less ambition in this novel and it would have been perfect.
Samstag, 1. Oktober 2016
Florian Scheibe - Kollisionen
Eine zufällige Begegnung, einen Moment nicht aufgepasst und
schon werden zwei Menschen miteinander verbunden. Die 16-jähige Mona läuft der
Architektin Carina vor das Fahrrad und provoziert so einen Zusammenprall. Diese
Kollision hat Folgen für beide Frauen, denn Carina ist das, was Mona verabscheut:
gutbürgerlich, lukrativer Job, Teil der Gesellschaft. Mona dagegen lebt auf der
Straße und von Heorinschuss zu Heroinschuss. Doch sie hat noch etwas, um das
Carina sie beneidet: Mona ist schwanger. Diese erste Kollision hat scheinbar
kaum physische Folgen, doch sie verändert nachhaltig Carinas Leben: nach und
nach bricht alles zusammen und bald schon steht sie vor einem Trümmerhaufen,
der einmal ihr Leben war.
Der Roman klang vielversprechend: zwei völlig gegensätzliche
Frauen, die sich begegnen und in der Folge eine unsichtbare Verbindung haben,
die sie immer wieder zueinander führt. Ein junges Mädchen, eine erwachsene
Frau; eine Drogensüchtige, eine erfolgreiche Karrieristin; eine Schwangere,
eine mit Kinderwunsch. Doch wird die Grundidee nicht überzeugend umgesetzt. Die
Handlung wird von unglaubwürdigen Zufällen bestimmt, die einfach zu konstruiert
wirken, als dass sie real sein könnten. Kaum eine der Begegnungen ist
nachvollziehbar motiviert, sondern sie ereignen sich immer, weil gerade
unzählige Dinge unbeabsichtigt passieren. Dazu ist mir die Figurenzeichnung zu unstimmig.
Insbesondere die Nebenfiguren wie Monas Mutter wirken unausgereift und haben je
nach Szene ein völlig anderes Auftreten, was sie fast wie gänzlich verschiedene
Figuren wirken lässt. Hinzu kommt die Bedienung unzählige Klischees: die
Volontärin, die sich dem Reporter an den Hals wirft, um ihre Karriere zu
befördern; die Drogenabhängigen, die gleichzeitig Autonome und Brandstifter
sind; die Kinderwunschklinik mit der Vorbildärztin, die sich ihr Kind selbst
gezaubert hat; das Mädchen aus gutem Haus, das in die Drogenszene abdriftet…
Gefreut hatte ich mich auf interessante, starke
Frauenfiguren, die in der Interaktion miteinander wachsen und interessanter
werden. Carina fällt immer mehr in sich zusammen und entwickelt einen echten
Nervfaktor. Sie wird mehr und mehr reduziert auf den Kinderwunsch, dabei muss
es in ihrem Leben zuvor noch anderes gegeben haben. Es mag Frauen geben, die
ihr ganzes Dasein verleugnen vor dem einen großen Wunsch, aber dadurch verliert
man doch nicht gleich jede Lebensfähigkeit. Mona hingegen wird mir am Ende zu
erwachsen und ihre Welt ist mir ein wenig zu rosarot. War sie zu Beginn
drogenabhängig und schwanger, kann sie leichter Hand alle Probleme plötzlich
lösen. Und das mit 16 auf sich alleine gestellt.
Sprachlich liest sich der Text gut, nur leider kann der
Inhalt hier nicht mithalten und so das Buch als Ganzes nicht überzeugen.
Belinda McKeon - Zärtlich
Gerade die Schule beendet, freut sich Catherine auf das
Studentenleben in Dublin, weit entfernt von der konservativen Familie auf dem
Land. In ihrer WG ist sie sich schnell angekommen und fühlt gut aufgenommen.
Als ihr Vormieter zu Besuch kommt, ist es um sie geschehen: sofort verliebt sie
sich in den smarten James, der gerade ein Jahr in Berlin als Assistent eines
berühmten Fotografen verbracht hat. Doch die Liebe kann nicht erwidert werden,
denn James ist schwul. Auch wenn die Gesetzeslage in Irland Ende der 1990er
Homosexualität nicht mehr unter Strafe stellt, ist dies doch immer noch weit
davon entfernt, gesellschaftlich akzeptiert zu werden. James geheimes Leben
wird durch die öffentliche Zuneigung und enge Beziehung zu Catherine
kompensiert. Diese verschließt lange die Augen vor der Realität und will nicht
wahrhaben, dass diese Liebe nie existieren wird.
Das Buch klang nach sehr viel Gefühl und Zuneigung zwischen
zwei Menschen. Leider konnte der Roman mich so gar nicht packen. Die beiden
Protagonisten bleiben mir fremd und konnten mich zu keinem Zeitpunkt der
Handlung wirklich überzeugen, die Beziehung war mir zu wenig glaubwürdig und
die Erzählweise mit unzähligen Sprüngen nach vorne und zurück hat auch nicht
unbedingt dazu beigetragen, die Entwicklung der beiden zu verdeutlichen. Auch
das Ende, viele Jahre später, weitgehend nichtssagend, war irgendwie
überflüssig. Die Handlung an sich finde ich thematisch immer noch interessant,
auch wenn es schwer nachzuvollziehen ist, wie Homosexualität Ende der 90er in
einer europäischen Hauptstadt so verachtet gewesen sein soll.
Alles in allem, leider eine Enttäuschung, viele gefüllte
Seiten ohne Inhalt und Leidenschaft.
Sonntag, 25. September 2016
Philipp Winkler - Hool
Wenn das Leben wenig zu bieten hat und die eigene Familie sich in ihre Bestandteile aufgelöst hat, braucht man einen Ersatz. Heiko hat ihn gefunden: gemeinsam mit seinen Kumpels ist er nicht nur Fan von Hannover 96, sondern Hool. Wenn die Fußballer ihre Duelle auf dem Platz austragen, freuen sie sich schon auf die dritte Halbzeit, wenn die Anhänger der Teams auf der Straße aufeinander treffen und in heimlichen Fights nach ihrem Sieger suchen. Sein Onkel Axel, Inhaber eines Gym mit illegalen Nebengeschäften, hat ihn schon früh an die Hand genommen, als sein Vater in Depressionen versank nachdem die Mutter davongelaufen war. Genau wie Axel wird auch Heiko den Absprung nicht schaffen, obwohl sich nach und nach die Kumpels in ein bürgerliches Leben verabschieden. Welches Leben wartet auch schon auf ihn? Er hat doch nur die Fights.
Philipp Winklers Roman ist einer der sechs verbliebenen der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2016. Thematisch sicher der ausgefallenste von den Nominierten, die ich gelesen habe. Heiko ist ein krasser Außenseiter, der am Rand der Gesellschaft lebt und dessen Dasein von einem ganz anderen Takt und anderen Werten bestimmt wird. Man teilt seine Einstellung über weite Strecken nicht und dennoch kann man nicht sagen, dass er einem gänzlich unsympathisch ist. Das, was er seinen Freunden an Zuneigung und Hilfe entgegenbringt, ist schon beachtenswert – allerdings sind diese auch seine Ersatzfamilie nachdem dir originäre sich aufgelöst hat. Eine völlig ausgereifte Figur mit vielen Facetten, kein unbedarfter Teenager mehr, aber auch noch nicht ganz im Leben angekommen. Nicht auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, kein großer Zweifler, aber im eigenen Leben nicht zu Hause und das richtige ist nur manchmal verschwommen am Horizont erkennbar.
Worin liegt die Qualität des Romans, die die Nominierung rechtfertigt? Ein Einblick in das Leben eines Menschen am Rande der Gesellschaft, thematisch gewagt; mit Hooligans werden nicht viele Leser etwas anfangen können, es mag sogar eher verschrecken – insbesondere Titel und Cover sind hier sehr drastisch, was jedoch zum Buch passt. Die Konstruktion des Romans wird nicht gleich offensichtlich, es dauert ein wenig, bis man durchschaut, was Winkler sich da ausgedacht hat. Wir werden nicht chronologisch durch die Handlung geführt, sondern haben zwei Stränge: Heikos Leben im Jetzt, das zeitlich voranschreitet und Heikos Leben in der Familie, das rückwärts läuft und erst spät aufklärt, wie es zur Fragmentierung kam. Eine sehr gelungene Erzählweise, die sich kompliziert anhört, aber dennoch gut zu lesen ist. Der Ton ist glaubwürdig getroffen und passt zur Szene. Alles in allem, ein in sich völlig stimmiger und runder Roman, auf den es lohnt, sich einzulassen.
Samstag, 24. September 2016
Owen Sheers - I Saw a Man
Ein gefährlicher Einsatz, ein Versehen, eine ganze Reihe von
Opfern. Die Journalistin Caroline stirbt bei einem Auslandsdreh in Afghanistan durch
eine amerikanische Rakete. Ihr Mann Michael kann den Verlust kaum ertragen,
schon gar nicht im gemeinsamen Haus in Wales. In London hofft er sich ablenken
und weiter an seinem aktuellen Buch arbeiten zu können. Seine neuen Nachbarn,
Josh und Samantha mit den Töchtern Rachel und Lucy, schließen schnell mit ihm
Freundschaft und kümmern sich um ihn in seiner Phase des Trauerns. Er wird zum
fünften Familienmitglied und bewegt sich frei in ihrem Haus. Eines Nachmittags
will er nur schnell einen Schraubenzieher abholen, den er Josh geliehen hatte.
Seltsamerweise steht die Hintertür offen. Ein ungutes Gefühl zieht Michael in
das Obergeschoss des scheinbar leeren Hauses. Ein Geräusch lässt ihn erst
erschrecken und löst dann eine unheilvolle Kette von Ereignissen aus. Auf der
anderen Seite des Atlantiks hadert ebenfalls ein Mann mit dem Schicksal und am
Ende stehen gleich drei Männer vor der Frage, wie sie mit der Schuld, die sie
auf sich geladen haben, leben sollen.
Owen Sheers schafft es, den Leser zu fesseln und wirft ihn
immer wieder neue Spuren und unerwartete Wendungen hin, die den Roman unzählige
Male in eine völlig andere Richtung lenken. Seine Rahmenhandlung wird durch die
Ereignisse des einen, unheilvollen Nachmittags im Juni bestimmt. In Zeitlupe
bewegt sich Michael im Haus seiner Nachbarn, jeder Schritt wird unterbrochen
von Erinnerungen an Caroline und die Erinnerungen eines anderen Mannes. Wenige
Andeutungen lassen ahnen, was passieren wird, um dann die Katastrophe ein
weiteres Mal zu verzögern. Auch der Ton wandelt sich, je nachdem wo wir uns
befinden: im Haus herrscht äußerste Anspannung und die Nerven sind bis zum
Zerreißen gespannt – dann wiederum sind wir mit Michael in der Trauer um seine
Frau oder bei dem amerikanischen Soldaten und seinen Erinnerungen an den schlimmsten
Tag seines Lebens. Hier wird der Ton ruhig und melancholisch nur um dann wieder
an den neuen Tatort zurückzukehren. Das eigentliche Ereignis, auf das die Geschichte
lange Zeit hinsteuert, ist dann doch ganz anders als erwartet und hat vor allem
ungeahnte Folgen für die Zeit danach – hier kann Sheers sich wirklich von der
Masse der Krimis absetzen. Mehr zu schreiben würde potenziellen Lesern nun den
Spaß verderben, bleiben wir dabei: eine wirklich gute Idee auch hervorragend
umgesetzt. Einzig das Ende fand ich einerseits recht knapp und zum anderen für
das, was ihm vorher gelungen war, etwas zu dünn.
Als Roman kategorisiert kann der Text jedoch mit erstaunlich
viel Spannung punkten und darüber hinaus auch ganz wichtige Fragen nach Schuld
und Verantwortung aufreißen. Vieles kam für mich unerwartet – wirklich ein
Buch, das in vielerlei Hinsicht überraschen kann.
Mittwoch, 21. September 2016
Gerhard Falkner - Apollokalypse
Georg Authenrieth erinnert sich. Soweit er das noch kann,
denn vieles ist weg oder nur noch verschwommen da, manches ergibt auch wenig
Sinn. Aber vielleicht sind das ja auch nicht seine Erinnerungen, sondern die seines
Doppelgängers. Schließlich ist ohnehin alles nur Rekonstruktion. Die Kindheit
in Nürnberg, die erste Liebe zu Isabel, das Leben im Berlin der 80er Jahre. Die
zweite wichtige Frau, Billy, der Anschlag, der Geheimdienst, die Freunde, die
Reisen in die USA und die DDR. Man muss das nehmen, was man hat und so macht es
auch Georg oder Georg über den Menschen Georg Authenrieth, der vorgibt, er zu sein
und es vielleicht sogar ist.
Gerhard Falkners Roman hat es 2016 auf die Longlist des Deutschen
Buchpreises geschafft. Die Presse hat den Roman bejubelt: ein neues Kapitel der
Berlin-Literatur (Süddeutsche), großartig (Deutschlandradio Kultur),
fantastisch (Zeit), kunstvoll und komisch erzählt (LiteraturSpiegel). Ich habe
mich auf jeder Seite gefragt: was soll das? Was will mir das sagen? Hä?
Ein Erzähler, der sich seiner Erinnerung nicht sicher ist –
ok, keine ganz originelle Idee, aber kann man was draus machen. Diskontinuierliche,
unchronologische Erzählung – kein Thema, man darf als Leser schon ein wenig
gefordert werden. Episodenhafte Erzählungen, lose Verbindungen – auch das kann
seinen Reiz haben. Aber hier war mir alles zu lose, zu unverbindlich, zu wenig
greifbar. Phasenweise waren zwar Ansätze einer Erzählung vorhanden, diese
wurden dann wiederum von absurden Spekulationen über das Sein abgelöst und der
Erzähler springt von der ersten zur dritten Person. Wenn alles im Rahmen von
Spekulation und Unverbindlichkeit bleibt, wozu dann noch ein Roman? Wenn selbst
die Literatur sich nicht mehr in der fiktiven Welt festlegt, wer soll dies denn
noch in der Realität tun? Ein Roman, der nichts sagen will, ist für mich
letztlich egal und auch irrelevant.
Rechnet man die Idee einer inhaltlichen Aussage raus, könnte
der Text immer noch durch seine Konstruktion und die Sprache punkten. Aber auch
da erreicht er mich nicht. Insbesondere die Ergüsse im Bereich der Fäkalien
sind einfach nur widerlich, die Wortwahl abstoßend und dezidierte Beobachtungen
des Stuhlgangs sind für mich keine Kunst, sondern schlichtweg verzichtbar.
Irgendwer scheint den Roman verstanden zu haben, ich
offenkundig nicht.
Montag, 19. September 2016
Paul Beatty - The Sellout
A man is in
Washington, waiting for his trial before the Supreme Court. He has never done
anything wrong so why is there a case of the United States of America vs. himself?
The narrator has to go back to his childhood days when he, the son of a black
psychologist, was his father’s prime study object. His isolated upbringing always
against the background of racial hated has left its marks and when is father is
shot and he is faced with the police’s lack of interest, he understands that he
has to do something for Dickens, his hometown which has vanished from the maps,
and for his father’s memoir. A fight for equality and to find out who is really
is and who he wants to be starts.
Paul Beatty’s
novel has been shortlisted for the Man Booker Prize 2016 and it is obvious why
it has been nominated. At the end of two terms of a black president, the
country has to raise the question if anything has changed in the last eight
years. Considering the last months’ riots and street fights in many cities
between the police and the black community, the answer might be “no” – or even:
things are worse today. Thus, Beatty has chosen his topic well, it could not
fit more to the current debate. But apart from its societal relevance, what
does the novel have to offer?
First of
all, the irony is just captivating. The best example for me is the search for a
sister city when Juárez, Chernobyl and Kinshasa refuse to be linked to Dickens
due to diverse reasons. You have to laugh until the laughter gets stuck to your
throat because you understand what has been said about this black town in this
scene. Its situation close to the LA metropolis is worse than the most violent
city in Norther America, worse than the most polluted and dead place in Europe
and worse than the poorest town in Africa. Is there anything to top this? Yes,
of course there is – and that’s what makes this novel so outstanding. The
narrator invents an upside-down version of segregation and has the white pupils
expulsed from the local schools. This reminds you of something in history? Yes,
but now things are different. Or not so different at all. The absurdity sharpens
the observer’s view on the current state this small town is in.
At times,
Beatty has his narrator reflect on what he is doing and what is happening and
he comes to very sharp conclusions on why things are the way they are and why
people just cannot act differently. This
sounds quite serious, that’s what it is at the end of the day, but Beatty found
a unique style ignoring all taboos to bring across his message.
Sonntag, 18. September 2016
Fiston Mwanza Mujila - Tram 83
Äquatorialafrika, es könnte Kongo sein, es könnte überall
sein. Ein Ort namens Stadtland bildet die Kulisse für ein unglaubliches Schauspiel.
Im „Tram 83“, eine Mischung aus Bar, Bordell und lokalem Handelsplatz für quasi
alles, nahe des Bahnhofs gelegen, treffen sich allabendlich die Bewohner und
die Touristen. Junge Mädchen, genannt Küken und kaum die Pubertät erreicht,
bieten ihre Körper ebenso an wie erwachsene Frauen. Die Arbeiter der nahegelegenen
Minen betrinken sich ebenso wie die Studenten. Ex-Kindersoldaten versuchen zu
vergessen, ebenso wie die Verlierer des korrupten Staates. Unter ihnen auch
Requiem, der sich mit Erpressung und zwielichtigen Geschäften ganz gut
positionieren konnte. Lucien wiederum, erfolgloser Schriftsteller und Träumer,
hat weniger Glück und die Tatsache, dass Requiem noch eine Rechnung mit ihm
offen hat, wird es nicht leichter machen. Alle versuchen zu überleben in einem Land,
das von regelmäßigen Stromausfällen, unsicherer politischer Lage und ausländischen
Kräften geprägt wurde. Im Tram 83 verschwinden die Unterschiede jedoch manchmal,
denn die Kellnerinnen schnauzen alle gleichermaßen an.
„Am Anfang war der Stein, und der Stein schuf den Besitz und
der Besitz den Rausch“ – man sagt guter Literatur nach, dass sie im ersten Satz
schon alles unterzubringen mag, was die danach folgenden Seiten beinhalten. Fiston
Mwanza Mujila hat sehr viel seines Romans hineingepackt in diesen ersten Satz:
die Steine der Diamantminen, eine schier unerschöpfliche Geldquelle – für wenige.
Ursache von Korruption und Verderbtheit. Schuld nicht nur an unsäglicher Armut,
sondern auch der Suche nach dem Rausch und der Flucht vor der Realität. Der
Alltag in Afrika, den uns der Autor präsentiert und den er nicht an einen Ort
oder ein Land bindet, ist für uns Europäer verschreckend. Nichts lässt mich jedoch
daran zweifeln, dass das Leben vielerorts genauso ist, wie wir es in „Tram 83“
kennenlernen. Was sonst hören wir aus Afrika außer Korruption, Drogen- und Alkoholabhängigkeit,
Prostitution schon von Minderjährigen, kriegswilde Generäle, tödliche Minen
etc. Viel Hoffnung auf Besserung gibt uns auch dieses Buch nicht.
Was fasziniert jedoch so an diesem Roman, der dem Autor
zahlreiche Preise eingebracht hat und in vielen Ländern von der Presse bejubelt
wird? Wir haben keine Erzählung und Handlung, der ein Erzähler stringent folgt.
Viel mehr folgt das Geschehen dem afrikanischen Rhythmus, wird unterbrochen,
hat Wiederholungen, bestimmte Segmente tauchen regelmäßig auf. Wie im Jazz wird
mal scheinbar improvisiert, dann geben wieder klare Regeln den Takt vor. Der
Ton ist manchmal brutal laut, dann in einem fast heiteren Allegro bis hin zu
einem leisen Piano, kulminierend in einem immer mehr Fahrt aufnehmenden
Crescendo. Man muss sich in den ungewohnten Rhythmus einlesen, findet aber zunehmend
Gefallen daran.
Ein afrikanischer Roman also – jein. Man merkt, dass Fiston
Mwanza Mujila Europa und seine Kultur kennt. Die oben bereits zitierte Stelle,
die jedem Christen sofort das Johannesevangelium in Gedächtnis ruft, deutet an,
dass hier auch mit der Frage des Kolonialismus gespielt wird. Es kam kein
Erlöser nach Afrika; die Europäer, denen man im Roman begegnet, sind reiche
Touristen oder Nachfahren der Kolonialzeit, die in abgeschotteten Stadtvierteln
unter sich bleiben. Nur zum Vergnügen kehren sie ins „Tram 83“ ein und mischen
sich unter die Einheimischen. Abgelöst werden sie nach und nach von den
Chinesen, die möglicherweise ein neues Zeitalter einläuten werden. Das muss
auch Lucien merken, der seine Literatur nach Europa verkaufen will – aber dort
hat man schon kein Interesse mehr an Afrika. Zu wenig exotisch ist es
mittlerweile. Bleibt am Ende nur noch, sich ins Getümmel des Tram zu stürzen
und sich zu vergnügen, denn der Morgen hat wenig zu bieten.
Abonnieren
Posts (Atom)



















